Wer würde nicht gerne zu solch prominenten Raumfahrern ins kosmische Reisemobil steigen, um sich – quasi aus erster Hand und befreit vom spaßbremsenden Tempolimit der Lichtgeschwindigkeit – selbst die entlegensten Regionen des Weltalls zeigen und erklären zu lassen? Diesem Kindheitstraum versucht sich das zweite Gemeinschaftswerk des Autorentrios May, Moore und Lintott zu nähern: "Cosmic Tourist". Ihrem Bestseller "Bang! Die ganze Geschichte des Universums" aus dem Jahr 2010 lassen die drei Astronomie-Botschafter, die nicht nur in amateurastronomischen Kreisen einen hohen Bekanntheitsgrad genießen, nun ein Werk folgen, in dem sie "100 Sensationen im Universum" präsentieren.

Sir Patrick Moore, der im Dezember 2012 starb, schrieb mehr als 70 Bücher zur Astronomie und war bei einem breiten Publikum in Großbritannien beliebt durch seine mehr als fünf Jahrzehnte monatlich ausgestrahlte BBCSendung "The Sky at Night". Vor zwölf Jahren begann der Astrophysiker Chris Lintott als Komoderator dieser Sendung tätig zu werden. Der Queen-Gitarrist Brian May knüpfte vor einigen Jahren mit der Fertigstellung seiner Anfang der 1970er Jahre begonnenen Dissertation an seine Karriere als Astrophysiker an. In insgesamt 100 Kapiteln steuern die drei Autoren Ziele im Universum an, die sie auf jeweils ein bis zwei durchweg reich bebilderten Seiten abhandeln. Erst in kleineren, dann in stetig größer werdenden Schritten entfernen sie sich dabei von ihrem Heimatplaneten Erde. Zu jedem Himmelsobjekt finden sich aktuelles Bildmaterial und eine Beschreibung.

Die drei Astronomie-Didaktiker beginnen mit ihrer Reise in unserem Sonnensystem, in dem sie bis zum Kapitel 54 nicht nur den großen Planeten, sondern auch diversen Planetenmonden, Asteroiden und Kometen Besuche abstatten. Auch dem Dissertationsthema Brian Mays, dem Zodiakallicht, ist eine Doppelseite gewidmet. Nachdem die drei Raumfahrer kurz noch der 1977 gestarteten Raumsonde Voyager 1 "Hallo" sagen und die Oortsche Wolke hinter sich lassen, reisen sie für Kapitel 55 zum der Sonne nächstgelegenen Sternsystem Alpha Centauri. Beim Blick zurück in Richtung Sonnensystem hat sich dem Sternbild Kassiopeia ein sechster, heller Stern hinzugesellt: unsere Sonne. Die derzeit schnellste von Menschenhand geschaffene Raumsonde, "New Horizons", die sich auf dem Weg zum Zwergplaneten Pluto befindet, würde übrigens für die Strecke zu Alpha Centauri rund 80 000 Jahre Reisezeit benötigen.

Da ist es gut, Distanzen mit der Fantasie zügiger bewältigen zu können. Man mag sich nur ungern vorstellen, wie zäh sich eine gemeinsame Reise mit den drei Berühmtheiten sonst gestalten könnte. Weiter geht es zum Sirius und hernach zu einigen Sternen, in deren Umlaufbahnen Exoplaneten nachgewiesen sind. Auch die Veränderlichen Algol und Mira stehen auf dem Programm, es folgen unter anderem der Sternhaufen der Plejaden, der Kohlensacknebel, der rote Überriese Beteigeuze, diverse Planetarische Nebel, ehe es nach einem Kurztrip ins Milchstraßenzentrum, in dem bekanntlich ein Schwarzes Loch weilt, zur nächstgelegenen Nachbargalaxie, der Magellanschen Wolke, geht. Hier besuchen wir die Überreste der jüngsten Supernova 1987A. Über den Kugelsternhaufen NGC 2419 geht es weiter zur Nachbargalaxie Andromedanebel.

Im Zickzackkurs reisen wir weiter und weiter durchs Universum, zu immer entfernteren Sterneninseln und Galaxienhaufen wie dem Virgo-Haufen. Das letzte Kapitel behandelt das für kosmische Reisende eher weniger anschauliche "Echo des Urknalls", die Hintergrundstrahlung. Spannende Reiseziele also, die wohl jeder Astronomie-Interessierte gerne einmal näher erkunden würde. Der "Cosmic Tourist" ist gestalterisch gut umgesetzt und lebt durch seine prachtvollen Astrofotografien, wenngleich man einige dieser Bilder bereits aus anderen Publikationen kennen mag. Die Druckqualität ist – wie die der meisten in China gedruckten Bücher – sehr gut. Der größte Haken dieses kosmischen Reiseführers besteht in der Beliebigkeit und Launigkeit seiner textlichen Ausführungen. Die Inhaltsfülle der einzelnen Kapitel schwankt deutlich. So wechseln sich umfassend beschriebene "Reiseziele" mit solchen ab, die weit gehend inhaltsleer bleiben. Zu willkürlich werden einzelne Gesichtspunkte in den durchweg relativ kurzen Ausführungen erörtert, zu oft fehlen aber wesentliche und grundlegende Aspekte.

Handelte es sich um einen irdischen Reiseführer, beispielsweise einen für die von Touristen gerne besuchte Hauptstadt Frankreichs, so läse man, in der Avenue De Choisy 42 wurde dereinst ein Fenster geöffnet und gleich wieder geschlossen, aber Eiffelturm, Louvre oder Jardin de Luxembourg fänden keine Erwähnung. Der Aspekt der "Reise" durch den Kosmos beschränkt sich durchweg auf eine kapiteleinleitende, niedliche Raketenillustration und eine Entfernungsangabe zur Erde. Das ist es dann aber auch schon, und manch ein Leser mag sich bei der Lektüre irritiert die Augen reiben und fragen: "Ist das nun alles?" Der Verlag spricht im Klappentext vom "rasanten Flug durch den Kosmos", auf den die drei Autoren ihre Leser mitnehmen. Genau diese Erwartung wird enttäuscht.

Auch wenn es trivial erscheint, aber selbst aus erdgebundener Perspektive wäre nur ein wenig mehr Fantasie bei der Beschreibung einzelner Reiseziele notwendig, um dem Leser tatsächlich das Gefühl zu geben, ihn mit auf eine kosmische Reise zu nehmen und ihm die kosmischen Reiseziele näherzubringen. Mit Augenzwinkern nimmt der vielleicht überkritische Leser den ausgeprägten Zickzackkurs der drei Raumfahrer durch die Milchstraße und durchs Universum zur Kenntnis. Er weiß nicht recht, ob der Kurs durch ihre Navigationskünste oder den bei Reisenden oft vorhandenen Wunsch, unbedingt "alles mitnehmen" zu wollen, bedingt ist.

Wenn nacheinander M 31, M 82 und dann die Antennengalaxien NGC 4038/39 angesteuert werden, ist das so, als schickte ein Europa-Reiseführer seine Leser auf direktem Kurs von Malaga zum Nordkap über Madrid, Oslo, Neapel, Glasgow, Warschau, Paris, Stockholm … Die drei Autoren bewegen sich im Raum, aber manche Leser könnten annehmen, die Besuchsziele lägen allesamt hintereinander aufgereiht wie auf einer Perlenschnur. So entblättert sich der "Cosmic Tourist" bei eingehender Lektüre als ein schön anzuschauender Bildband. Wirklich Tiefgehendes zu einzelnen "Reisezielen", ja oft selbst Fundamentales, bleibt das Buch aber leider zu häufig schuldig.