Welches Buch ich nach diesem lesen werde? Keine Frage: einen Sherlock-Holmes-Roman. Schließlich bescheinigt Maria Konnikova, die Autorin des vorliegenden Werks, dem genialen Detektiv ein ausgeprägtes logisches Denkvermögen. Immer wieder nimmt sich die studierte Psychologin Textauszüge aus den insgesamt rund 60 Holmes-Romanen vor und erklärt daran ihre Methode, das logische Denken zu verbessern. Denn Konnikova ist davon überzeugt, dass sich diese Fähigkeit tatsächlich schrittweise er­arbeiten lässt. Logisches Denken, schreibt sie, helfe nicht nur, Verbrechen aufzuklären, sondern auch bei zahlreichen Entscheidungen und Problemen im Alltag.

Im täglichen Leben ist es oft schwer, vernünftig zu schlussfolgern. Und zwar, so schreibt Konnikova, weil wir heute meist mehrere Dinge gleichzeitig tun wollen. "Wie viele Gedanken gehen einem ständig durch den Kopf, ohne dass man innehält, um sie zu identifizieren?", fragt sie. Zu selten prüften wir, ob eine Über­legung wirklich dazu beiträgt, die uns gerade interessierende Frage zu lösen. Konnikova spricht von der "Gedankenwanderung", bei der wir – mehr oder weniger bewusst – unwichtige Gedanken weiterspinnen und dabei das eigentliche Ziel aus den Augen verlieren. Zudem habe jeder von uns vorgefasste Meinungen, die den objektiven Blick auf bestimmte Zusammenhänge erschweren.

Was können wir hier von der Figur des Sherlock Holmes lernen, eines Romanhelden des 19. Jahrhunderts? Holmes geht beim Lösen von Kriminalfällen konsequent wissenschaftlich vor. Systematisch und auf der Grundlage von Beobachtungen rekonstruiert er kriminelle Handlungen, schließt dabei nach und nach immer mehr Möglichkeiten aus, bis er schließlich den Tathergang ermittelt hat – ein Vorgehen, das man als Forensik bezeichnet. Wie Konnikova zeigen möchte, können auch Nichtkriminalisten von Holmes lernen.

Das Beispiel des Detektivs lehre, wie wir uns wachsam und präsent mit der Welt auseinandersetzen, genau be­ob­ach­ten und Erfahrungen gezielt fest­halten können. Mit etwas Kreativität, Fantasie und kritischer Ausleuchtung eigener Standpunkte kann man aus den gesammelten Fakten dann treffende Rückschlüsse ziehen und überzeugende Lösungsansätze finden. Ein wichtige Methode dabei ist die Deduktion, das Schließen von gegebenen Voraussetzungen auf die logisch zwingenden Konsequenzen. So folgt aus der Regel, wonach alle Menschen sterblich sind, und der Tatsache, dass Sokrates ein Mensch war, die Konsequenz, dass Sokrates sterblich gewesen sein muss. Laut Konnikova hat Holmes die Deduktion perfektioniert.

Auch wenn die Autorin manchmal etwas hin- und herspringt, Dinge wiederholt und mitunter wenig konkrete Beispiele bringt, ist ihr Buch anregend. Das beginnt schon, wenn die Autorin ihre These vorstellt, der Verstand habe zwei Seiten: Der "Dr. Watson" fälle schnell und intuitiv Urteile, während der "Sherlock Holmes" gründlicher und bewusster vorgehe. Letztere Seite gelte es zu fördern – unter anderem, indem man seine Erinnerungen sortiert. Wie das konkret gehen soll, verdeutlicht die Autorin anhand von Übungen. Als Beleg für ihre Thesen führt sie wissenschaftliche Studien an. Wer sich nach 400 Seiten Lektüre immer noch weit weg von Holmes’ Fähigkeiten wähnt, für den hat Konnikova ermunternde Worte parat. Erstens würden wir nie aufhören zu lernen und könnten uns daher über lange Zeiträume hinweg kontinuierlich verbessern. Und zweitens bleibe unser Gehirn auch im Alter flexibel und formbar.