Wer so etwas Bemerkenswertes wie "Damals liebte ich Marie" denkt, geht auf mentale Zeitreise in die eigene Vergangenheit. Dabei kann er sich sogar selbst zusehen: "Ich erinnere mich, dass ich Marie liebte." Das autobiografische Gedächtnis ist eine komplexe Leistung, zu der nur Menschen in der Lage sind; ein Hundegehirn etwa merkt sich zwar den attraktiven Duft einer Pudeldame, und diese Erinnerung bestimmt das Verhalten des Rüden durchaus – aber das ist kein bewusstes Erinnern, kein "Ich, Fido, wandle auf Freiersfüßen". Der Mensch dagegen erinnert sich aktiv und plant bewusst, wann und wie er die schöne Marie wieder sehen kann.

An diese menschliche Erinnerungsleistung knüpfen sich viele andere Fähigkeiten unseres Gehirns: die Aufmerksamkeit etwa, die uns Relevantes abspeichern lässt. Die Gefühle, die Erlebtes unterschiedlich färben. Die Sprache, die uns Episoden aus der Vergangenheit erst vor Augen führt. Die Kommunikation, die unsere Erinnerungen formt und festigt. Spätestens hier wird klar, dass wir es mit einem Mammutprojekt zu tun haben. Das autobiografische Gedächtnis hat mit so gut wie allem zu tun, was den Mensch zum Menschen macht: seine evolutionäre Herkunft, seine individuelle Entwicklung, sein gesellschaftliches Dasein. Folglich fahren der Hirnforscher Hans J. Markowitsch und der Sozialwissenschaftler Harald Welzer auch so gut wie alles zu diesen Themen auf – bewusst aus interdisziplinärer Perspektive. Der Leser erfährt nicht nur etwas über die Entwicklung des Stirnhirns, sondern auch, für wie relevant der Soziologe Norbert Elias das kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft hielt.

Dass dieses Mammutprojekt nicht scheitert, liegt am scharfen Blick der Autoren fürs Wesentliche. Sie präsentieren dem Leser einen thematisch bunten Reigen, ohne dabei den Kontakt zum Autobiografischen zu verlieren. So setzen Markowitsch und Welzer nach und nach ein Mosaik zusammen aus dem Evolutionären (was können wir, was Fido nicht kann?), dem Individuellen (ab wann sagt ein Kind "ich" und meint das auch?) und dem Lebensgeschichtlichen (warum erinnern sich Ältere viel besser an ihre Jugend als an gestern?). Vieles davon ist aus gemeinsamen Studien entstanden und zeigt die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Natur- und Sozialwissenschaft.

Der Leser wird hier einmal nicht mit einem schillernden Buchtitel gelockt und dann mit zusammenhanglosen Laborergebnissen abgespeist, sondern wirft einen Blick auf das große Ganze. Dabei machen die Autoren deutlich, wo Reibungspunkte und Kontroversen zu anderen Ansätzen bestehen, was die Lektüre sehr anregend gestaltet. Markowitsch und Welzer erklären Kompliziertes Schritt für Schritt und mit klaren, anschaulichen Grafiken. Leider schimmert trotzdem hin und wieder eine allzu gedrechselte Forschersprache durch. Das hätte ein strengeres Lektorat verhindern können; auch wäre ein Glossar mit Erklärungen der Fachbegriffe nützlich gewesen. Trotzdem: Wer wissen will, wie es zu der Erinnerung an die schöne Marie kommt, der gewinnt hier einen lohnenden Einblick.