"Mein geliebtes Heu" nannte Adelbert von Chamisso (1781-1838) seine Schützlinge. Er war Dichter und wissenschaftlicher Sachbearbeiter am Königlichen Herbarium in Berlin, einer riesigen Sammlung getrockneter und gepresster Pflanzen. Noch heute erscheinen solche Präparate manchem Laien als "Heu". Zu Unrecht, wie das Buch von Florence Thinard klarmacht. Es stellt mehr als 60 Entdecker vor und ordnet ihnen je eine gepresste und getrocknete Pflanze zu, manchmal von ihnen selbst gesammelt. Einigen sehr bedeutenden Naturforschern, etwa Charles Darwin (1809-1882) und Alexander von Humboldt (1769-1859), ist die doppelte Seitenzahl gewidmet.

Wissenschaftsgeschichte kann man kaum besser darstellen als in diesem Buch. Die Autorin, ausgebildete Historikerin und sehr vielseitige Schriftstellerin, schildert in der zehnseitigen Einleitung zunächst, welche Motive früher hinter dem Sammeln von Pflanzen und Tieren "in fremden Ländern" standen und wie man die Ausbeute nach Hause brachte. Trotz abenteuerlicher Konstruktionen, die die Gewächse während der monatelangen Heimreise aus den Tropen erhalten sollten, gingen zahlreiche Pflanzen ein. In Frankreich gab es sogar spezielle "Hafengärten", damit die überlebenden Exemplare möglichst schnell in die Erde kamen.

Der Transport von Samen war daran gemesssen noch relativ unkompliziert. Dennoch gab es auch hier große Verluste. Von 70000 Samen des Kautschukbaums, die der englische Naturforscher Sir Henry Alexander Wickham im Jahre 1876 von Brasilien nach England in die Kew Royal Botanical Gardens schicken ließ, verdarben so viele, dass am Ende nur 2397 keimten. Das Unternehmen hatte sich dennoch gelohnt. Als Wickham 1928 starb, wuchsen in den britischen Kolonien 80 Millionen Kautschukbäume.

Wickham und die anderen Entdecker werden in dem Buch jeweils auf der linken Seite mit Porträtbild, kurzem Lebenslauf und einem Bericht über eine ihrer Forschungsreisen vorgestellt. Darüber steht eine Zeitleiste, darunter folgen weitere Informationen in Form von Zeichnungen, Fotografien, Karten oder zeitgenössischen Stichen. Auf der rechten Seite ist je ein Herbarbogen abgebildet, also ein Bogen mit aufgeklebten Pflanzen oder Pflanzenteilen.

Das hört sich nach einer schematischen, nicht gerade aufregenden Darstellung an – ist aber genau das Gegenteil davon. Vor allem die Reisebeschreibungen, aufgrund ihrer Kürze oft nur anekdotenhaft, sind voller Anteilnahme, manchmal geradezu anrührend. So auch die Geschichte der englischen Botanikerin Georgiana Molloy, eine der wenigen Frauen unter den vorgestellten Forschern, die im 6. Schwangerschaftsmonat in der australischen Wildnis eintraf und ihr erstes Kind verlor. Sie bekam weitere Kinder, was sie an den Rand ihrer Kräfte brachte. Am Gürtel des Jüngsten befestigte sie ein Glöckchen, um es immer in ihrer Nähe zu wissen. Eines Tages verstummte das Glöckchen – das Kind war im Brunnen ertrunken.

Ernest Wilson, ebenfalls Engländer, schleppte eine riesige Plattenkamera samt Zubehör 15 Jahre lang durch China und Südostasien und machte damit insgesamt 2488 Photos. Eines Tages verletzte ihn eine Steinlawine am Bein. Er bastelte sich eine Schiene und konnte gerade noch rechtzeitig vor dem Ausbruch einer Wundinfektion gerettet werden, allerdings hinkte er für den Rest seines Lebens. Da der Unfall passiert war, während er nach einer besonders prächtigen Lilie gesucht hatte (er gab ihr den Namen Lilium regale, "Königslilie"), nannte er seine Beeinträchtigung das "Lilienhinken".

Die Beiträge über die verschiedenen Forscher sind chronologisch geordnet. Es beginnt mit den alten Ägyptern, bei denen die Pharaonin Hatschepsut nach Myrrhe suchen ließ, und endet mit dem französischen Botaniker Francis Hallé, der in den 1990er Jahren im Regenwald von Guayana sammelte. Sein Herbarbogen vom 14.11.1996 unterscheidet sich so gut wie nicht von denen der Forscher aus früheren Jahrhunderten. Was sich einst bewährte, wurde konsequent weiter geführt.

"Das Herbarium der Entdecker" bildet neben vielen fremden auch bekannte Pflanzen ab, etwa Gewürze, Baumwolle, Gartenblumen, Parkbäume und Sträucher. Die systematische Bedeutung der Arten ist allerdings unterschiedlich. So wurden auf ein Blatt mit einer Aurikarie drei an verschiedenen Orten gesammelte Pflanzen aufgeklebt, um Material zu sparen. Eine davon ist als "Lectotypus" ausgewiesen, also als das namensgebende Exemplar der ganzen Sippe, weil der Erstbeschreiber kein entsprechendes Exemplar (den "Holotypus" der Art) festgelegt hatte oder dieses verlorengegangen ist.

Viele weitere Informationen sind den abgebildeten Herbarbögen zu entnehmen, etwa (mitunter sogar mehrfache) Änderungen des Art- oder Gattungsnamens, die durch neue Erkenntnisse erforderlich wurden. Hinzu kommen handschriftliche Anmerkungen, Skizzen zu nicht mehr erkennbaren Einzelheiten, Nummern und Stempel des Besitzers und anderes mehr. Es überrascht, was es da alles zu entdecken gibt. Die Abbildungen lassen sich ohne weiteres zehnfach vergrößern, mehr hat man am Arbeitsplatz auch selten zur Hand. Sie stammen fast alle aus dem Herbarium der Kew Royal Botanical Gardens bei London, einige auch aus dem Botanischen Institut der Universität Montpellier.

Die Bilder haben es noch aus einem anderen Grund in sich. Der französische Fotograf Yannik Fourié – er wird erfreulicherweise ebenfalls als Autor genannt – hat mit ihnen ohne Übertreibung meisterhafte Aufnahmen geschaffen, die das Buch zum Erlebnis machen. Man traut sich kaum, die Seiten umzublättern, da man den Eindruck hat, dabei die zerbrechlichen Präparate zu beschädigen. Die Illusion ist perfekt, weil die Darstellungen offenkundig nur ganz leicht vergrößert, also beinahe "Originale" sind.

An diesem wissenschaftshistorischen Buch stimmt alles: das Layout, das Papier und seine Abtönung, die Bebilderung des Textes, seine Inhalte und Gliederung, und natürlich die Qualität der Herbarbögen. Es ist eines der schönsten Bücher, die ich in den letzten 50 Jahren in der Hand hatte, und selten fiel es mir so leicht, eine Empfehlung auszusprechen. Nur eines fehlt: Der Duft von Chamissos "geliebtem Heu".