In einer Zeit, als überall in Europa die Scheiterhaufen der Inquisition loderten und Andersdenkende als Ketzer verbrannt wurden, erhob in Basel ein Mann seine Stimme wider die Diktatur des Glaubens. Sebastian Castellio (1515-1563), Humanist, Bibelübersetzer und Freigeist, übte 1554 in seinem Traktat "Über die Ketzer und ob man sie verfolgen soll" (An haeretici sint persequendi) scharfe Kritik daran, dass der spanische Gelehrte Miguel Servet der Häresie angeklagt und verurteilt worden war.

Sein anonym publiziertes Werk, das nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit des Gewissens und religiöse Toleranz. Entschieden fordert der Autor darin, abweichende religiöse Meinungen zu dulden. Als Kronzeugen für die Richtigkeit seiner Meinung führt er eine Reihe namhafter Theologen ins Feld, die in ihren Schriften die Todesstrafe für Häretiker allesamt ablehnen. Castellios Kernthese: Man dürfe einen Menschen nicht verurteilen, nur weil er einen anderen Glauben habe. "Einen Menschen töten heißt nicht, eine Lehre [zu] verteidigen, sondern einen Menschen [zu] töten."

Mit diesem berühmt gewordenen Satz stellte sich der streitbare Humanist gegen den mächtigen Reformator Johannes Calvin (1509-1564), der mit puritanischem Eifer ein totalitäres Kirchenregime in Genf errichtet hatte, in dem für Andersdenkende kein Platz war. Waren es bis dahin Protestanten und andere "Abtrünnige" gewesen, die von der katholischen Inquisition verfolgt und getötet wurden, so setzte Calvins mörderischer Dogmatismus erstmals auch innerhalb des Protestantismus abweichende Meinungen mit Ketzerei gleich. Die Reformation fraß sozusagen ihre eigenen Kinder. Protestanten wurden zu Inquisitoren – und erkoren sich den reformatorisch denkenden Miguel Servet als Opfer, weil er die Dreieinigkeit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist leugnete.

Castellios Schrift, die sich gegen diesen religiösen Wahn richtet, ist sehr lesenswert. Sie wirft nicht nur ein Licht auf Calvins strenges Glaubensregime, das die Bürger im protestantischen Genf einer totalen Kontrolle unterwerfen sollte. Sie gewährt auch Einblicke in die Vorstellungswelt einer Zeit, als Terror gegen Andersdenkende üblich war und Abweichler mit dem Tode bestraft wurden. "Über die Ketzer und ob man sie verfolgen soll" ist ein frühes Plädoyer für Toleranz, Gedanken- und Meinungsfreiheit. Obwohl beinahe 500 Jahre alt, hat es kaum an Aktualität eingebüßt angesichts blutiger Religionskämpfe im Nahen Osten und in Afrika. Dem Anliegen des Schriftstellers Stefan Zweig, den Aufklärer Sebastian Castellio "aus dem Dunkel der Geschichte" zu holen und dessen Schrift einer breiten Leserschaft zugänglich zu machen, ist der Alcorde Verlag mit dem vorliegenden Werk nachgekommen. Zu Recht!