Kinder lernen das Sprechen von ihren Eltern. Doch wenn ein Kind türkischer, russischer oder chinesischer Einwanderer beispielsweise in den Vereinigten Staaten heranwächst, wird es in aller Regel Englisch früher oder später ohne jeden Akzent beherrschen. Hierfür, behauptet die Psychologin Judith Rich Harris, gibt es nur eine schlüssige Erklärung: Kinder werden nicht von ihren Eltern, sondern von anderen, gleichaltrigen Kindern erzogen. Nicht im Elternhaus, sondern in den Peergroups werde darüber entschieden, was ein Kind aus den Möglichkeiten machen kann, die in seinen Genen angelegt sind.

Der Neuropsychologe und Linguist Steven Pinker stimmt mit Harris völlig darin überein, dass es weitgehend belanglos ist, welche Erziehungsstrategien Eltern anwenden, was sie ihren Kindern beibringen und welche Dinge sie ihnen vorenthalten oder verbieten. Aber er weigert sich, der Umwelt der Peergroup allzu viel Bedeutung beizumessen; er hält für ausgemacht, dass die Charaktereigenschaften, das Temperament und die Intelligenz im Wesentlichen genetisch bedingt sind. "Sowohl die Intelligenz wie die Persönlichkeit zeigen sich weitgehend unbeeindruckt von der Familie und der Kultur, in der die Kinder aufwachsen. Kinder, die in einer Familie groß werden, sind sich ähnlich, weil sie gemeinsame Gene haben." Wovon ist es überhaupt abhängig, in welche Peergroup ein Kind gerät und welchen Rang es darin einnimmt? Pinker glaubt, dass die Ergebnisse der Zwillingsforschung, interpretiert man sie richtig, die Antwort liefern. Eineiige Zwillinge unterscheiden sich erheblich voneinander, obwohl sie die Erbanlagen, die Familienumwelt und fast immer auch die Peergroup miteinander gemein haben. Also bleibt nur noch ein Faktor übrig: Genosse Zufall.

Der menschliche Geist, hatte der Philosoph John Locke einst behauptet, gleicht einem Blatt Papier, das die Natur völlig leer gelassen hat und das einzig und allein von der Kultur beschrieben wird. Steven Pinker ist diese Auffassung schon lange ein Dorn im Auge. In seinem neuen Buch versucht er sie ad absurdum zu führen, indem er sie auf Hunderten von Seiten mit den jüngsten Erkenntnissen der Neuro- und Kognitionswissenschaften, der Säuglingsforschung, der Genetik und der Evolutionsbiologie konfrontiert.

Pinker hat völlig Recht. Das Gehirn könnte nicht in jeder Sekunde Millionen von Sinnesdaten verarbeiten, wenn es nicht von vornherein wüsste, wie es sie zu sortieren und zu bewerten hat. Ein Lernen, das von keinem Lernprogramm dirigiert wird, ist schon deswegen nicht möglich, weil sich aus einer endlichen Zahl von Informationen unendliche viele Schlüsse ziehen lassen. Außerdem ist es wenig wahrscheinlich, dass die Evolution die geistigen Werkzeuge, mit denen sie die Hominiden ausgerüstet hat, aus dem Homo sapiens vollständig entfernt und durch eine Art Allzweckcomputer ersetzt haben soll. Vielmehr muss auch der menschliche Geist aus einer Ansammlung von Modulen bestehen, die jeweils für spezielle kognitive Aufgaben zuständig sind. Und gerade weil diese Module dem Wahrnehmen, Denken und Handeln eine Ordnung auferlegen, kann mit ihrer Hilfe eine nahezu unbegrenzte Vielfalt von Wahrnehmungen, Gedanken und Handlungen erzeugt werden. Weshalb Pinker die herkömmliche Auffassung, wonach Lebewesen desto lernfähiger und intelligenter sind, je weniger sie von Instinkten gesteuert werden, mit aller Entschiedenheit zurückweist. In Wahrheit verhält es sich genau umgekehrt. Was Menschen intelligent macht, sind in erster Linie ihre Instinkte.

So weit, so gut. Doch Pinker will weit mehr. Er will außerdem demonstrieren, dass die Geistes- und Sozialwissenschaften nach wie vor verleugnen, dass es eine universale und unwandelbare, in den Genen verankerte menschliche Natur gibt – und dass es verhängnisvolle Auswirkungen auf die Politik, die Erziehung, die Wirtschaft und sogar die Kunst hat, wenn man ihre Existenz bestreitet.

Allerdings gibt es heute kaum noch jemanden, der ernsthaft behauptet, dass der Mensch ohne angeborene kognitive Algorithmen und Lernprogramme auf die Welt kommen würde oder dass er seine tierische Natur völlig überwunden und sie gegen die Kultur ausgetauscht hat. Dass muss auch Pinker zugeben, und in Wahrheit richtet sich seine Polemik gegen alle, die sich sein düsteres Hobbessches Menschenbild nicht zu Eigen machen wollen. Pinker ist fest davon überzeugt, dass das Kriegführen, Morden und Vergewaltigen dem Menschen ebenso im Blut liegt wie das Streben nach Macht, Reichtum und Prestige. Und er hat die Neigung, alles und jedes auf angeborene Prädispositionen, die irgendwann in der Steinzeit entstanden sein sollen, zurückzuführen. Aber bei vielem, was er apodiktisch verkündet – dass politische Einstellungen erblich sind, dass das Bedürfnis nach Rache und Vergeltung nicht weniger eine Mitgift der Natur ist wie die Vorliebe für savannenartige Landschaften oder dass ein Zahlen- und ein Tauschsinn zum universalen geistigen Rüstzeug des Menschen gehören –, handelt es sich bestenfalls um gewagte Spekulationen und schlimmstenfalls um pure Ideologie. Pinkers Buch ist eine virtuose Apologie der Evolutionspsychologie – und der amerikanischen Gesellschaft, so wie sie heute organisiert ist. Trotzdem: Dass Menschen nicht weniger, sondern mehr Instinkte als alle anderen Säugetiere und Primaten haben, ist eine Annahme, die durch mehr und mehr Indizien unterstützt wird. Pinkers sprachlich exzellentes Buch zeigt zumindest, wie wichtig es ist zu klären, was es mit diesen Instinkten auf sich hat.