Lassen Sie einen Stein aus großer Höhe fallen, so trifft dieser lotrecht am Erdboden auf. Wie kann das sein, wenn sich unser Globus doch in rasendem Tempo um die eigene Achse dreht? Müsste sich der Boden in der Zeit, die der Stein zum Fallen braucht, nicht wenigstens ein Millimeterchen verrückt haben? Dem Augenschein nach steht die Erde still, und das Himmelzelt dreht sich um sie.

Zwei genialen Naturforschern, die uns lehrten, diesem Augenschein zu misstrauen, hat der Wissenschaftsredakteur und Physiker Thomas de Padova ein Buch gewidmet: Johannes Kepler (1571 – 1630) und Galileo Galilei (1564 – 1642). Der Untertitel des Bands kokettiert mit einem Hit der Bücherjahrs 2008: In "Die Vermessung der Welt" präsentierte der Schriftsteller Daniel Kehlmann die Gelehrten Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt als kauziges Duo. Blüht Kepler und Galilei hier das gleiche Schicksal? Nein, denn de Padova literarisiert seine Protagonisten nicht. Er hat vielmehr ein nüchternes, aber mit viel Zeitkolorit angereichertes Sachbuch geschrieben, das dem Leser Leben und Leistung der beiden Pioniere sowie die Widerstände, mit denen sie zu kämpfen hatten, anschaulich vor Augen führt.

Ungleicher könnte das Paar kaum sein: Der Italiener Galilei, den Ruhmessucht und Geschäftssinn ebenso antreiben wie wissenschaftliche Neugier, ist ein Tüftler und Macher. Der Schwabe Kepler hingegen ist ein begnadeter Theoretiker. Er rechnet die Himmelsbeobachtungen seiner Kollegen (er selbst ist zu kurzsichtig für die Sternenguckerei) penibel nach und fügt die Ergebnisse in ein mathematisches System.

In stetem Wechsel zwischen den Perspektiven der beiden Hauptgestalten zeichnet de Padova das Bild einer ganzen Epoche. Es sind unruhige und beunruhigende Zeiten, Anfang des 17. Jahrhunderts, am Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs. Kepler, Hofmathematiker in Diensten des glücklosen Habsburgers Rudolf II., bangt ständig um seine Existenz, muss zu seinem Lebensunterhalt auch Horoskope erstellen, an deren Aussagekraft er insgeheim zweifelt. Galilei, obgleich mit akademischen Lorbeeren überhäuft, schielt stets darauf, sich mit den Mächtigen gut zu stellen, da er etwa vom Wohlwollen des Florentiner Herrschergeschlechts der Medici abhängig ist.

Beide erteilten der Annahme, die Erde stünde im Mittelpunkt des planetarischen Ringelreihens, eine Absage. Komplizierte Sphärenformeln, die das alte geozentrische Weltbild mühsam stützten, fielen wie Kartenhäuser in sich zusammen, als der naheliegendste Schluss gezogen wurde: Die Erde kreist – um die eigene Längsachse rotierend – um die Sonne. Sie bildet mitnichten den Mittelpunkt der Welt, wie Kirche und Volksglauben meinten. So stellten Galilei und Kepler das von Nikolaus Kopernikus erstmals 1542 formulierte "heliozentrische Weltbild" auf eine solide Basis.

Von den Erschütterungen, die diese Erkenntnis für die Zeitgenossen darstellte, berichtet de Padova ebenso wie von der trotz allen wissenschaftlichen Fortschritts eifrig betriebenen Astrologie.

Epoche und Leben der beiden Helden der Astronomie erscheinen vor den Augen des Lesers, der nebenbei auch eine Menge über die wissenschaftlichen Probleme erfährt, die sie beschäftigten. Hobbysterngucker und Geschichtsfans kommen bei diesem kurzweiligen Buch gleichermaßen auf ihre Kosten.