Die Seele, lehren die christlichen Theologen seit knapp zwei Jahrtausenden, ist unsterblich. Auf ihrem Konzept beruhen zentrale Aspekte des christlichen Glaubens – das Seelenheil ist einer der Angelpunkte religiösen Lebens. Doch wie passt das Konzept der Seele eigentlich zu den immer zahlreicher werdenden Erkenntnissen von Medizinern und Psychologen, Verhaltensforschern und Neurologen, die in den Regelkreisen von Neuronen, Neurotransmittern und Hormonen bislang kein Anzeichen einer unsterblichen Einheit haben finden können? Kann man den Begriff der Seele angesichts immer differenzierterer Einsichten in die Aktionen und Reaktionen unserer Hirnwindungen überhaupt noch aufrechterhalten?

Der kirchenkritische Theologe Eugen Drewermann versucht nun zumindest in seinem neuen Werk "Atem des Lebens", die beiden unterschiedlichen Parteien zusammenzuführen – denn er ist überzeugt, dass sich auch die Religion und ihre Vertreter den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht mehr länger verschließen dürfen. Daher wagt er in einem zweibändigen Buch, dessen erster Teil nun vorliegt, den mutigen Versuch, das Seelenleben vom neurologischen Standpunkt aus zu betrachten.

Will man aus diesem Gesichtspunkt heraus wissen, ob es einen freien Willen gibt oder was genau eine religiöse Erfahrung ist, muss man sich erst einmal mit dem heutigen Stand der Hirnforschung auseinandersetzen. Und so besteht denn auch der Hauptteil des ersten Bandes von "Atem des Lebens" in einer Einführung in die vielgestaltigen Aspekte der Neurologie. Auf rund 200 Seiten erläutert der Autor den Lesern den Aufbau des Gehirns, die Funktionsweisen seiner jeweiligen Bereiche und die unterschiedliche Wirkung der zahlreichen Neurotransmitter, bevor er dann die Leistungen des Gehirns mit Fragen aus Philosophie und Theologie verknüpft.

Im Anschluss an den neurologischen Grundkurs folgt dann endlich die Beschäftigung mit der Seele – oder zumindest mit den Aktivitäten, die früher gemeinhin der Seele zugesprochen wurden: lernen und erinnern, Wahrnehmung und Gefühl. Auch hier wird erst die neurologische Funktion erklärt, bevor Drewermann sich Fragen zuwendet, die dennoch offen bleiben: Wie Süchte etwa funktionell entstehen, ist die eine Sache – eine andere jedoch, aus welchen Nöten heraus ein Mensch zum vermeintlichen Rettungsanker greift. Ein Seelsorger von heute, so Drewermann, berücksichtigt beide Seiten der Medaille.

In genau dieser Polarität liegt der Wert dieses mehr als 800 Seiten starken Buches, das zwar zum einem lehrmeisterlich durch die Begriffe der Hirnforschung führt und jedes medizinische Fremdwort aus seiner Originalbedeutung ableitet. Zum anderen versäumt es aber nicht, die gesellschaftlichen, moralischen und weltanschaulichen Aspekte zu erwähnen, die sich aus Tier- und Menschenversuchen im Laufe der Geschichte ergaben und die auch heute noch unser Menschenbild bestimmen.

Die spannendsten Fragen freilich hat sich der Theologe für den zweiten Band seines Werkes aufgehoben, der im kommenden Jahr erscheinen wird. Dort sollen dann die klassischen Menschheitsfragen der Philosophie und Theologie mit dem im ersten Teil angeeigneten Wissen angedacht und beleuchtet werden – um somit, wie vom Autor erhofft, zu einer längst nötigen Neubesinnung heutiger Theologie beizutragen.