Rezension | 03.08.2013 | Drucken | Teilen

Einsames Genie

Die Mathematik ist eine seltsame Wissenschaft. Sie nährt sich aus abstrakten Strukturen, die sie selbst geschaffen hat. Nicht Worte, sondern Zahlen, Geometrien und Logik bestimmen ihre Sprache. Das alles zusammen ergibt eine geschlossene Welt, in der sich nur wenige Menschen zurechtfinden. Und so fristet die hohe Mathematik eher ein Schattendasein.

Vor einigen Jahren jedoch sorgte sie für Schlagzeilen und rückte in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Dem russischen Mathematiker Grigori Perelman war es gelungen, die Poincaré-Vermutung zu lösen. Sie geht auf den französischen Mathematiker Jules Henri Poincaré (1854-1912) zurück, der im Jahr 1904 postulierte, jedes geometrische Objekt ohne Loch müsse sich zu einer Kugel deformieren lassen. Poincaré konnte seine Vermutung jedoch nie beweisen, und auch etliche Mathematiker nach ihm nicht. Deshalb rechnete das Clay Mathematics Institute (CMI) in Cambridge (Massachusetts, USA) sie den berühmten "Millenium-Problemen" zu, einer Zusammenstellung ungelöster Fragen in der Mathematik. Für den erfolgreichen Beweis der Vermutung hatte das CMI ein Preisgeld von einer Million Dollar ausgelobt.

Als Grigori Perelman die Lösung tatsächlich präsentierte und damit eine bahnbrechende wissenschaftliche Leistung ablieferte, bekam er das Geld folgerichtig zugesprochen. Doch er lehnte ab. Wie kam es dazu? Dieser Frage geht die russische Journalistin Masha Gessen in ihrem Buch "Der Beweis des Jahrhunderts" nach.

Gessen beschäftigte sich schon zu Sowjetzeiten mit Mathematik. Sie beschreibt die vom Kalten Krieg geprägte Atmosphäre in den Mathematik-Klubs des früheren Leningrads (heute Sankt Petersburg). Dort sammelte sich ein buntes Volk zahlenversessener Jugendlicher, die am laufenden Band Rechenaufgaben lösten – ein Umfeld, in dem auch der 1966 geborene Perelman aufwuchs. Diese Klubs gehörten zu den wenigen Orten, an denen er sich wohlfühlte und Freundschaften pflegte. Doch mit fortschreitendem Alter wurde Perelman immer einsamer. Schon während seiner Doktorarbeit an der Staatlichen Universität Sankt Petersburg verbarrikadierte er sich zunehmend in den eigenen vier Wänden. Niemand ahnte damals, dass er an einem der größten mathematischen Probleme tüftelte.

Eines Nachts im November 2002 publizierte er den ersten seiner drei wissenschaftlichen Aufsätze, die sich mit der Poincaré-Vermutung befassen, über den Server der amerikanischen Cornell University. Eindringlich beschreibt Gessen die Aufregung, die daraufhin in Mathematiker-Kreisen losbrach. Es wurde hektisch geprüft und nachgerechnet, und schließlich kam man allgemein zu dem Schluss, dass Perelman den Beweis gefunden habe.

An dieser Stelle der Geschichte muss es für Gessen eine große Versuchung gewesen sein, die weitere Handlung als Kriminalfall zu erzählen. Denn sofort, nachdem Perelman seinen Aufsatz veröffentlicht hatte, traten andere Wissenschaftler auf den Plan und beanspruchten ihrerseits, die Poincaré-Vermutung bewiesen zu haben. Es kam zu einem Schlagabtausch um Forschungsergebnisse und Erstveröffentlichungen. Gessens schildert ihn detailreich, aber durchweg um Sachlichkeit bemüht, und gewährt den Lesern so einen fundierten Einblick in die Welt wissenschaftlichen Publizierens.

Perelman, den viele seither mit Isaac Newton auf einer Stufe sehen, ließ die ganze Diskussion kalt. Er ging kaum noch aus dem Haus und kappte fast alle Verbindungen zur Außenwelt. Auch als man ihm 2006 eine der höchsten Auszeichnungen für Mathematiker, die Fields-Medaille, zusprach, verweigerte er die Annahme.

Gessen zeichnet ein stimmiges, eindringliches Bild von dem Mathematiker. Es zeigt einen verschlossenen Menschen, dessen Gedankenwelt geprägt ist von strengen Geometrien, Logik und Zahlen, und macht ein Stück weit begreifbar, warum er sich so ungewöhnlich verhielt. Dabei stützt sich die Autorin auf Gespräche mit Mitschülern, Lehrern und Kollegen Perelmans. Stets versucht sie objektiv zu bleiben – auch wenn sie der Frage nachgeht, ob der Mathematiker am Asperger-Syndrom leiden könnte. Mit ihm selbst hat sie nie gesprochen. Das ist wenig überraschend, denn der ohnehin schon zurückgezogene Russe meidet Journalisten besonders stark.

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