Wenn sich zwei Physiker der Flut von Desinformation im Wissenschaftsbetrieb annehmen, dann kann nur Lustiges dabei herauskommen. Schon mit ihrem Buch "Mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit" führten uns Hans-Hermann Dubben und Hans-Peter Beck-Bornholdt die "Überlebensstrategie" von Fehlinformationen vor. Nun legen sie mit "Der Hund, der Eier legt – erkennen von Fehlinformationen durch Querdenken" nach. Jene Leser, die auch die mathematische Facette des Buches nicht scheuen, finden darin viele Aufgaben, die es zu lösen gilt, und Tabellen.

"Der Hund, der Eier legt" beschreibt in vielen Artikeln die Resistenz von Irrtümern, ihre Ausbreitungsmechanismen und wie sie der Widerlegung standhalten. Schon das Zitat "(…) allein in den biomedizinischen Fachzeitschriften werden jährlich mehrere Millionen Artikel veröffentlicht, von denen die meisten wertlos sind" stammt von den Autoren, und hat mich neugierig gemacht. Es ist den beiden Preisträgern des "Fischer-Appelt-Preis für hervorragende Leistungen in der akademischen Lehre" daher ein Anliegen, die Widerstandskraft gegen Irrtümer und Trugschlüsse zu stärken.

Viele statistische Ergebnisse widersprechen ohnehin oft unserem "Common Sense", und schon auf den ersten Seiten lernen wir beim Kuchenbacken die Tricks einer zufälligen Verteilung kennen – eines von vielen Beispielen im Text von einfacher Struktur, klarem Ergebnis und einfach brillant. Im Folgenden wird dann von Fehlern erster ("der Dieb läuft noch herum") und zweiter Art ("der falsche Dieb wurde ins Gefängnis gesetzt") erzählt. Die Effekte der Permutationen lehren sie am Beispiel von Zündkerzen und beim Tischfußball und bringen damit die wichtige Binomialverteilung ins Spiel. Sie ist von Interesse, wenn wir gesetzmäßige von zufälligen Häufungen unterscheiden wollen – wie die exakten Wissenschaften es ja versuchen. Auch hier sind die Beispiele sehr unterhaltsam und der Leser lernt schnell, über Signifikanz und den Vierfeldertest nachzudenken.

Danach folgen endlich die Datenmanipulationen, wie sie bei klinischen Studien des Öfteren vorkommen: Mediziner testen beispielsweise verschiedene Parameter in verschiedenen Subgruppen wie Männer und Frauen, die dann noch weiter in Altersgruppen unterteilt werden. Das ist alles noch in Ordnung, in Veröffentlichungen werden dann jedoch häufig lediglich einige – vorzugsweise signifikante – weitere Subgruppen behandelt und analysiert. Der Rest fällt unter den Tisch. Doktor Sorglos – so der von den Autoren erfundene Laie – lernt aus den wildesten Daten wunderbare Grafiken zu zaubern, und das, ohne zu schummeln.

Das Problem ist, dass längst selbstverständliche Methoden der Wirtschaft und Technik in der Wissenschaft nicht immer beherzigt werden – etwa die Selbstverständlichkeit, dass eine Studie reproduzierbar sein muss. Für den Wissenschaftler sind die gegenwärtig Monat für Monat erscheinenden neuen Erkenntnisse in der biomedizinischen Forschung dagegen kaum noch zu bewältigen. Die Wissenschaftspolitik fördert eine Informationsquantität, während Qualität leider zu selten Beachtung findet. Die Autoren sind daher der festen Überzeugung, dass in der Zukunft ein Umdenken stattfinden muss: Menge allein nützt nichts – das "Publish or Perish" muss verschwinden!

Damit ließe sich vielleicht auch die Publikationsperle vermeiden, die die Autoren auf Seite 108 beschreiben: der gleiche Artikel wurde in derselben Zeitschrift zweimal, jedoch mit unterschiedlichen Titeln veröffentlicht – was natürlich dazu führt, dass die Evidenz dieser Ergebnisse überschätzt wird. Dabei ginge es so einfach, wenn die Deklaration des Weltärztebundes von Helsinki aus dem Jahr 2000 beachtet würde. Sie fordert unter anderem, dass die Pläne aller Studien der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Positive, aber auch negative Ergebnisse sollen veröffentlicht oder der Öffentlichkeit anderweitig zugänglich gemacht werden

"Mit der Wahrheit lügen", so betitelt sich ein weiteres wichtiges Kapitel des Buches. Auch ohne die Daten zu verändern (das wäre Betrug), sind den Manipulationen keine Grenzen gesetzt – etwa über Veränderungen der Koordinatenachsen, der Vermengung von Kausalität und Korrelation, über die Interpretationsfreiheit der Sprache, das so genannte "Genuesische Zepter" oder die Übersetzung.

Trotz des ernsten Themas kommt der Humor aber auch nicht zu kurz. Eugen Roths "Die Wissenschaft, sie ist und bleibt, was einer ab vom anderen schreibt" ist einem der letzten Beiträge vorangestellt. Ein Buch, das ich noch oft in die Hand nehmen werde, es erinnert mich leider zu oft daran, dass der Ruf und der Arbeitsplatz eines Wissenschaftlers heute leider davon abhängt, wie viele Veröffentlichungen er produziert.