Die "Bravo" ist langweilig, weil sie nichts über Vulkane, Astronomie oder Erdbeben berichtet. Märchen sind doof, nicht nur weil zu viele Personen darin mitspielen, sondern weil sie auch noch mit irgendwelchen komischen Gefühlen verwirren. Kinderduden, Weltatlas und Kosmologiebücher haben doch viel Interessanteres zu bieten!

Genau so dachte Peter Schmidt, hochfunktionaler Autist mit Asperger-Syndrom, im Jungenalter. Aus seiner damaligen Perspektive waren das Tatsachen, von denen er annahm, dass sie eigentlich jedem klar sein müssten. Doch schon nach wenigen Lebensjahren holte ihn die Erkenntnis ein, dass die wenigsten seiner Altersgenossen so empfanden. Zunehmend bekam er das Gefühl, die anderen Kinder fühlten sich quasi in der allgegenwärtigen Blumenerde pudelwohl, während er als einziger Kaktus ums Überleben kämpfe.

Schmidt ist in naturwissenschaftlichen Bereichen wie Geophysik hochbegabt. Dass seine Schwierigkeiten im Gefühlsleben und in der sozialen Interaktion der Ausdruck eines Asperger-Syndroms sind, erfuhr er erst mit 41 Jahren durch einen Zufall. Seitdem hält er Vorträge und schreibt Bücher darüber, mit welchen Schwächen er täglich zu kämpfen hat und wie er sie meistert.

"Der Junge vom Saturn" ist sein zweites Buch; der Titel bringt zum Ausdruck, wie der Autor sich selbst sieht. Schmidt beschreibt darin, wie er als Kind und Jugendlicher die Welt wahrnahm – nämlich durch eine Art autistischen Wahrnehmungsfilter. Dank eines verblüffenden Gedächtnisses erinnert er sich angeblich sogar an die ersten Stunden seines Lebens. Er meint noch zu wissen, wie ein Wesen mit weißem Knitterkittel ihn in die Arme nahm und in etwas Weißes, Weiches einpackte.

Mit bildhafter Sprache und vielen sinnlichen Wortkreationen führt er den Leser ganz nah an sich heran. Seine Erzählweise ist durchweg ehrlich, ändert sich im Lauf des Buchs – also mit fortschreitendem Alter des Protagonisten – aber von einem naiven kindlichen Erzählstil hin zu durchdachter Selbstreflexion. Bereits in der Grundschule merkt Schmidt, wie belastend es ist, anders zu sein. Deshalb notiert er eine Reihe von Bestimmungen für sich, um im Alltag besser zurechtzukommen. Mit Hilfe von 41 "Paragraphen" gibt er seinem Leben Struktur und überwindet Blockaden mit konkreten Handlungsanweisungen. Sätze wie "Fokussiere deine Konzentration auf die wirklich wichtigen, weiterbringenden Dinge!" sollen sicherstellen, dass er beispielsweise in einem Musikreferat über die Klangwirkung eines Popsongs spricht, statt dessen formalen Aufbau zu analysieren.

Die Regeln helfen Peter, überraschend Jahrgangsbester im Abitur zu werden. Von seinen persönlichen "Gesetzen" erzählt er allerdings niemandem, da er auf Grund seiner Distanz zu Menschen keine Gefühle teilen möchte. In dem Buch gelingt es Schmidt stets, diese abgeschlossene innere Welt dem Leser begreiflich zu machen.

Obwohl der Schreibstil etwas ungewöhnlich und manchmal schwer verdaulich ist, lohnt es sich, durchzuhalten. Schon nach wenigen Kapiteln ist man fasziniert von der Erlebniswelt des Jungen. Bilder aus dem privaten Fotoalbum zeigen zudem, wie Schmidt bereits als Kind komplexe Straßensysteme hochdetailliert zeichnete. Das Ziel, seine ungewöhnliche Binnenperspektive auf unterhaltsame Weise zu beschreiben, hat der Autor klar erreicht. Wer wissen möchte, wie sich ein Kind mit Asperger-Autismus fühlt, liegt mit dem Werk goldrichtig.