Im täglichen Leben sind Zufälle unerwünscht. Kaum plant man etwas, schon kommt etwas Unerwartetes in die Quere. Auch die Naturwissenschaft sucht nach möglichst streng determinierten Ketten von Ursache und Wirkung – und stößt immerfort auf störende Abweichungen und überraschende Schwankungen. Doch auch dafür gibt es Gesetze.

Der Philosoph und Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer zeigt, wie Forscher dem allgegenwärtigen Zufall neue Erkenntnisse abgewinnen. Oft wiederholte Münzwürfe, große Teilchenmengen und Datenströme gehorchen strengen statistischen Gesetzen – obwohl solchen Phänomenen nur ungenau bekannte Einzelereignisse zu Grunde liegen. Mit der Quantenphysik wird der Zufall sogar zu einem fundamentalen Wesenszug der Natur selbst: Nicht mangelndes Wissen über an sich eindeutig definierte Teilcheneigenschaften zwingt die Physiker zu Wahrscheinlichkeitsaussagen – der Zufall ist vielmehr ein unauflöslicher Bestandteil der Quantenwelt.

Mainzer verdeutlicht an vielen Beispielen: Das spontane Entstehen von Ordnung kommt nicht ohne Zufall aus. Beim Aufbau und Zerfall von Kohlenstoffverbindungen auf der frühen Erde entstanden nach dem Prinzip von Versuch und Irrtum die Bausteine des Lebens und erste sich selbst reproduzierende Organismen. Die Evolution beruht auf zufälligen Variationen des Erbmaterials. Nun stehe der Mensch vor der Aufgabe, den Zufall, der ihn etwa in Form einer Umweltkatastrophe bedroht, zu bändigen, indem er ihm durch planmäßiges Handeln begegnet.

Mainzer schildert die Entwicklung vom Würfelwurf zur modernen Gesellschaft ganz ohne Gott oder "intelligenten Designer": Komplexe Ordnungen entstehen spontan, nur der Zufall hat die Hand im Spiel. Ihm auf diesem Weg zu folgen, ist mitunter mühsam, aber letztlich lohnend wie eine Bergwanderung: Von oben hat man einen schönen Rundblick