"Von dem Augenblick an, als ich zum ersten Mal an einem Riff im Roten Meer tauchte, war ich süchtig", erinnert sich Callum Roberts. Der Meeresbiologe, der an der Universität im englischen York arbeitet, sieht die Unterwasserwelt nicht nur aus der Perspektive eines Wissenschaftlers. So sehr ihn das Ökosystem mit seinen komplexen und oft kaum erforschten Vorgängen fasziniert – er ist jederzeit auch bereit, sich einfach verzaubern zu lassen. Umso mehr entsetzen ihn die Schäden, die der Mensch in diesem größten Lebensraum der Erde anrichtet. So einiges läuft derzeit gewaltig schief in den Ozeanen. Und Callum Roberts‘ Buch "Der Mensch und das Meer" ist ein flammender Appell, etwas dagegen zu unternehmen.

Dabei setzt der Forscher keineswegs nur auf Emotionalität. Zwar garniert er die knapp 600 Seiten immer wieder mit Schilderungen seiner eigenen Tauchgänge, Beobachtungen und Erlebnisse. Doch der größte Teil des Buchs ähnelt einem bunten Kaleidoskop unterschiedlichster Forschungsergebnisse. Da stehen die Befunde von Anthropologen neben denen von Klimaforschern und die der Chemiker neben denen der Fischökologen. Callum Roberts will die ganz große Geschichte der Ozeane erzählen – vom Entstehen der Welt und der Entwicklung des Lebens bis zu den Auswirkungen von Plastikmüll und Nanopartikeln. Langweilig wird es dem Leser da nicht. "In diesem Buch nehme ich Sie mit auf eine Reise unter die Wellen", verspricht der Autor. Und genau das tut er.

Auch Laien können ihm problemlos folgen. Denn Roberts legt Wert auf Anschaulichkeit und eingängige Beispiele. So erfährt man, dass der Atlantik etwas langsamer wächst als ein menschlicher Fingernagel. Oder dass die Ozeane voll von Viren sind, die aneinandergelegt einen 200 Millionen Lichtjahre langen Faden bilden würden, der sich "an sechzig Galaxien und unzähligen Millionen von Sternen vorbei erstrecken würde". Zudem stellt der Biologe ein ganzes Heer von faszinierenden Meeresbewohnern vor. Da trommeln Umberfische im Rhythmus der Fortpflanzung auf ihre Schwimmblasen. Trauerrand-Zackenbarsche überraschen die Wissenschaftler, indem sie auf dem Weg zum Laichplatz "Wuhuuu" rufen. Und der Lusitanische Krötenfisch versucht, potenzielle Partnerinnen mit einem "übertriebenen Furzen" zu beeindrucken.

In letzter Zeit werden die Darbietungen der schwimmenden Casanovas allerdings oft vom Dröhnen der Schiffsschrauben unterbrochen. Und schon ist Roberts bei den Folgen des zunehmenden Lärms im Meer. Viele wissen, dass der menschengemachte Krach das Orientierungsvermögen und die Kommunikation von Walen stört. Seine Auswirkungen auf die gar nicht so stumme Welt der Fische aber dürften die wenigsten kennen – Roberts benennt sie in seinem Werk. Auch wenn es um die steigenden Temperaturen im "Treibhaus Erde" geht oder um die Versauerung des Meerwassers, um eingeschleppte Arten oder um Chemikalien mit Hormonwirkung: Stets zeigt der Autor neben den bekannten Zusammenhängen auch überraschende Aspekte auf.

Das alles ist als Plädoyer für einen besseren Schutz der Ozeane mehr als überzeugend. Deshalb hätte es Roberts nicht nötig gehabt, dermaßen oft zu betonen, dass es so nicht weitergehen kann. Seine direkten Appelle wirken mitunter sogar etwas störend. Auch sind die manchmal theatralischen Formulierungen wie "Die Habgier der Unternehmen hat über den Anstand der Menschen gesiegt" nicht jedermanns Geschmack. An anderen Stellen zeigt Roberts, dass er es besser kann. Zum Beispiel, wenn er schildert, wie ausgerechnet die Quallen von Nährstoffbelastung, Sauerstoffmangel und Überfischung profitieren: "Ein größenwahnsinniger Quallenherrscher, der die Weltherrschaft anstrebt, hätte sich die heute in den Ozeanen bevorstehenden Veränderungen ganz genau so herbeigesehnt". Wenn das kein Grund zum Handeln ist.