Kann jeder Mensch im Prinzip alles lernen, oder bestimmen allein unsere Gene, wie schlau wir sind? Seit Urzeiten diskutieren Anhänger dieser beiden extremen Ansichten über die Erblichkeit des Intellekts. Zuletzt gewann die Debatte 2010 an Schärfe, als der SPD-Politiker Thilo Sarrazin sein Buch "Deutschland schafft sich ab" veröffentlichte, das im Handumdrehen zum Bestseller wurde.

Nun haben sich 13 Autoren verschiedener Disziplinen darangemacht, Sarrazins Werk in einem Herausgeberband auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Insbesondere seine Hauptthese nehmen sie ins Visier: Wird die deutsche Bevölkerung wirklich immer dümmer, weil Akademiker kaum Kinder bekommen, die soziale Unterschicht und bestimmte Einwanderergruppen dagegen umso mehr? Ihr Fazit fällt vernichtend aus: Das wissenschaftliche Fundament dieser Behauptung sei an sich ungenügend und vom ehemaligen Berliner Senator verzerrt wiedergegeben worden.

Unter der Überschrift "Die Causa Sarrazin oder der Missbrauch der Wissenschaft" nehmen der Journalist Claus-Peter Sesín und der Soziologe Andreas Kemper zunächst die Quellen unter die Lupe, auf die sich der umstrittene SPD-Politiker beruft. Im Wesentlichen stützten sich die Argumente auf das 1994 erschienene Buch "The Bell Curve", das eine heftige Debatte um das Sozialsystem in den USA ausgelöst hatte.

Die darin vorgebrachten Belege für die Erblichkeit des Intellekts entspringen vielen Studien der Intelligenzforschung des 20. Jahrhunderts – diese sei jedoch von Fälschungen durchzogen und werde von dubiosen Forschern aus rechten Kreisen bestimmt. In der Tat muss der Leser hier kräftig schlucken, wenn er schließlich erfährt, dass viele der in allen gängigen Lehrbüchern referierten Erblichkeitsschätzungen aus Studien stammen, die vom so genannten Pioneer Fund finanziert wurden – einer von einem Rechtsextremen gegründeten Stiftung, die unter anderem Pläne zur "Repatriierung der Schwarzen nach Afrika" förderte.

Wie sehr die Intelligenzforschung anscheinend eugenischem Gedankengut Vorschub leistet oder Wissenschaftler anzieht, die diesem nicht abgeneigt sind, verdeutlicht eine Personalie: Der Brite Richard Lynn, wohl einer der einflussreichsten Forscher in der Erblichkeitsdebatte, ist einer der Direktoren des Pioneer Fund. Leider zitiert Sesín nicht nur Originalquellen, sondern auch – teils reißerisch betitelte – Sekundärliteratur, wodurch die Glaubwürdigkeit seiner Schilderungen etwas in Zweifel gerät.

Des Weiteren stellen zwei Psychologen in einem nüchtern gehaltenen Beitrag die Methoden des Forschungszweigs in Frage. Sie bemängeln beispielsweise die Konstruktion von IQ-Tests oder die Methodik von Zwillingsstudien, mit deren Hilfe in der Regel die genetische Basis des Intellekts bestätigt wird. Ihre Einwände sind durchaus berechtigt, allerdings recht einseitig ausgelegt.

Alles in allem ist das Buch informativ und bildet ein fundiertes Gegenplädoyer zur sarrazinschen Botschaft. Der Herausgeberband zeigt die Baustellen auf, die bei der Erforschung der Intelligenz, einem der am besten untersuchten Konstrukte in der Psychologie, noch immer bestehen. Einige der Autoren pflegen allerdings einen polemischen Stil, der vermutlich nicht jedermanns Geschmack trifft. "An seinem [Sarrazins] Buch ist nichts redlich", heißt es etwa an einer Stelle. Etwas mehr Sachlichkeit hätte der Replik gutgetan – und ihre Glaubwürdigkeit erhöht.