In der Natur passen Form und Funktion oft perfekt zusammen. Was nach wissenschaftlicher Beweislage das Ergebnis unentwegter Anpassung und Auslese ist, halten einige für gottgegeben. Der modernen Version des Kreationismus zufolge "muss Design einen Designer haben". Demnach habe Gott die Welt und alle Lebewesen so, wie sie jetzt sind, vor etwa zehntausend Jahren erschaffen. Anhänger des "Intelligent Design" versuchen beharrlich, ihre Auffassung als vermeintlich gleichberechtigte Alternative zur Evolutionstheorie zu etablieren. Doch der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera macht in seinem neuesten Buch deutlich, dass Intelligent Design nichts mit Wissenschaft zu tun hat.

Bei genauer Betrachtung spricht so ziemlich alles dagegen, dass die heutige Artenvielfalt in einem vorausschauenden göttlichen Plan entstanden ist. Warum sonst wäre so vieles an den Lebewesen offenkundig "schlecht entworfen" und denkbar ineffizient? Man denke etwa an den "idiotisch konstruierten" rückläufigen Kehlkopfnerv, an den "absurden Bauplan" des inversen Wirbeltierauges, an die vielen jungen Eisvögel, die beim ersten Fischzug ertrinken, oder an die geradezu jämmerliche Energieausbeute der Pflanzen. Letztere hat ihren Grund darin, dass Rubisco, das Schlüsselenzym der Fotosynthese, oft Kohlendioxid mit Sauerstoff verwechselt. Nur durch massive Überproduktion dieses ineffizienten Enzyms können Pflanzen genügend Kohlendioxid aufnehmen, um zu wachsen. Solche "Design-Fehler" sind mit dem Wirken eines allwissenden, vorausschauenden Gottes unvereinbar. "Gäbe es in der Tat diesen übernatürlichen, imaginären 'Designer-Gott' als Antrieb der biologischen Evolution, so wäre er ein Pfuscher, Bastler beziehungsweise Flickschuster, aber kein mit Intelligenz und Weisheit ausgestatteter Welten-Planer", schreibt Kutschera.

Der Versuch, Naturwissenschaft und Glaube zu vereinen, entfacht oft unlösbare Debatten, bei denen die Kontrahenten auf verschiedenen Ebenen diskutieren. Die einen halten sich an empirisch untermauerte Fakten, die die anderen notorisch ignorieren. Kutschera stellt die Argumente beider Seiten vor und unterstützt dabei den naturwissenschaftlichen Standpunkt. Parallel dazu beleuchtet er die Entwicklung der deutschen Kreationistenbewegung und erzählt die interessante Lebensgeschichte des mittellosen Multitalents Alfred Russel Wallace (1823-1913), der unabhängig von Charles Darwin (1809-1882) richtungweisende Ideen zur Evolutionstheorie entwickelte und als deren Zweitentdecker gilt.

Wallace, so erfahren wir in dem Buch, war Schulabbrecher und Autodidakt aus bescheidenen Verhältnissen. Als junger Mann entdeckte er seine Leidenschaft für Insekten. Er unternahm erste Expeditionen, bei denen er fast ums Leben kam, forschte aber dennoch weiter. Auf seinen Fahrten sammelte er mehr als tausend unbeschriebene Arten, darunter den nach ihm benannten Wallace-Flugfrosch. 1858 schickte er ein Dokument an Darwin, in dem er Überlegungen formulierte, die auf das Prinzip der natürlichen Selektion hinausliefen. Noch im selben Jahr wurden beider Arbeiten zur Evolutionsbiologie gemeinsam vorgestellt. Wallace beschäftigte sich noch mit vielen weiteren Fragen der Lebenswissenschaften und wurde so zum Pionier auch der Biodiversitätsforschung, Vordenker der Anthropologie und Urvater der Astrobiologie. Absurderweise galt er später unter einflussreichen US-Kreationisten als Vordenker des Intelligent Design – warum, erfährt der Leser ebenfalls.

Ulrich Kutschera, Professor für Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe an der Universität Kassel sowie Gastprofessor an der kalifornischen Stanford University, befindet sich schon seit Längerem im Schlagabtausch mit deutschen und amerikanischen Verfechtern des Intelligent Design. Eine Auseinandersetzung, die er nach eigener Aussage mitunter absichtlich provoziert. Mit seinem neuesten Werk hat er nicht nur ein sachkundiges, sondern auch persönlich geprägtes Buch geschrieben, in dem er seine Meinung deutlich zum Ausdruck bringt. Es versammelt zahlreiche Argumente gegen das Intelligent Design und kann so verhindern helfen, dass sich die Pseudowissenschaft in Deutschland ähnlich ausbreitet wie in den USA. Dort lehnen beinahe 50 Prozent der Bevölkerung die Evolutionstheorie ab.