Geburtstagskinder beglückwünscht man erst am Jubiläumstag selbst, denn es soll Unglück bringen, vorzeitig zu gratulieren. Ist der Betreffende indes schon verstorben und ein runder Geburtstag zu feiern, nimmt es keiner mehr so genau. So gedachten etliche Verlage schon 2008 des 200. Geburtstags von Charles Darwin (* 12. Februar 1809, † 19. April 1882) und des 150. Erscheinungsjahrs seines Hauptwerks ("On the Origin of Species", 1859). Jeder, der in Sachen Evolutionsbiologie etwas auf sich hält, ehrt den Begründer der Disziplin mit einem eigenen Buch.

Sean B. Carroll gratuliert voller Ehrfurcht: Der Molekularbiologe von der University of Wisconsin versucht, im Geiste Darwins dessen Ideen fortzuführen. Schon im Titel seines Buchs beruft er sich auf den Altmeister seines Fachs und preist "Die Entstehung der Arten" als bedeutendstes Werk der Biologie. Carroll zitiert viele Passagen und versucht Darwins Gedanken mit den naturwissenschaftlichen Befunden der Gegenwart zu untermauern und weiterzuentwickeln.

Der Begründer der Evolutionsbiologie hatte bekanntermaßen keine Vorstellungen von der Genetik. Als er auf der "HMS Beagle", einem Expeditionsschiff der britischen Royal Navy, um die Welt segelte und seine grundlegenden Studien betrieb, war Gregor Mendel (1822 – 1884) noch weit davon entfernt, überhaupt ans Erbsenkreuzen zu denken. Auch der Träger der Erbinformationen, die DNA, wurde erst zehn Jahre nach Veröffentlichung der "Entstehung der Arten" erstmals isoliert. Heute gilt sie als unverzichtbar, um Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den Spezies zu klären und die Evolution zu ergründen.

Wissenschaftler haben dazu das komplette Erbgut (Genom) verschiedener Mikroorganismen, Pflanzen und Tiere sequenziert sowie miteinander verglichen. Selbst Teile des Genoms ausgestorbener Arten wurden analysiert und erzählen nun die Geschichte des Lebens. Carroll illustriert anhand der Entwicklung solcher Gensequenzen, wie wir die Evolution beispielsweise des Farbensehens an der DNA ablesen können. Besonders hebt er die Bedeutung der natürlichen Selektion hervor – für Carroll die größte Kraft im Universum – sowie die verblüffend gute Anpassung mancher Spezies an extreme, geradezu lebensfeindliche Räume.

Am Erscheinungstag vergriffen

"On the Origin of Species" wurde selbst vom breiten Publikum so begierig aufgenommen, dass die erste Auflage noch am Erscheinungstag vergriffen war. So flott, unkompliziert und anekdotenreich wie Carroll schreibt, trägt er jetzt schon seinen Teil zum Fortschreiben der darwinschen Erfolgsgeschichte bei.

Von Richard Dawkins war ein ähnlicher Versuch zu erwarten, hat sich der Biologe von der Oxford University doch der naturwissenschaftlichen Betrachtung des Lebens verschrieben. Wer seinen Klassiker "Das egoistische Gen" oder auch "Der Gotteswahn" kennt, wird provokante Thesen erwarten, stößt in diesem (auf Englisch schon 2004 erschienenen) Werk aber auf einen gemäßigten Dawkins. Einen kräftigen Seitenhieb gegen die Kreationisten kann er sich zwar nicht verkneifen – sie glauben, dass die biblische Schöpfungsgeschichte die einzig wahre Erklärung fur die Entwicklung des Lebens und der Menschen biete. Ebenso wenig die Kritik an dem popularen Wunschbild, die Evolution sei mit dem Menschen auf ihrem Höhepunkt angelangt. Doch im Wesentlichen gibt er sich sehr zahm und plaudert geistreich und gelehrt uber den Ursprung des Lebens.

Dafür blickt Dawkins Schritt für Schritt zurück: auf gemeinsame Vorfahren der Menschen und der Affen, weiter zu deren Urahnen und so weiter bis hin zu den ersten Zellen. Für den Biologen ist das wie eine Expedition durch die Jahrmillionen, ein Marsch entlang den Entwicklungslinien von Stammbäumen, bei dem die Pilger aus allen Richtungen zusammenströmen, um sich schließlich am Wallfahrtsort zu vereinigen.

Während der Biologe der Entwicklung von Gehirn und Geist zwar besondere Bedeutung einräumt, legt er darauf jedoch keinen Schwerpunkt. Anders Frans de Waal: Der niederländische Primatenforscher von der Emory University in Atlanta (US-Bundesstaat Georgia) fragt in seinem Buch danach, wie die Moral entstand.

Das Werk ist wie ein wissenschaftliches Streitgespräch aufgebaut: Frans de Waal eröffnet die Debatte mit einem evolutionsbiologischen Ansatz, der moralisches Verhalten als zur Natur des Menschen gehörig einordnet. Gegen religiöse Eiferer und Relativisten grenzt er sich bewusst ab, widerspricht aber auch der so genannten Fassadentheorie, wonach der Mensch im Kern böse sei und moralisches Verhalten nicht mehr als eine Fassade: ein kommunikativer Akt, mit dem er seine Mitmenschen über seine wahren, egoistischen Absichten täuschen will. Diese Position kommentieren die Philosophen Christine Korsgaard, Philip Kitcher und Peter Singer sowie der Journalist Robert Wright, die – mehr oder weniger vorsichtig – die Fassadentheorie vertreten. Zahlreiche neue Befunde geben de Waal jedoch Recht.

Anders als seine Gesprächspartner hebt der Biologe nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten zwischen dem Menschen und seinen nahen Verwandten hervor und quartiert die Tiere auf verschiedenen Stockwerken in seinem "Turm der Moral" ein. Im Kern laufen alle Beiträge auf die Frage zu, ob auch sie eine "Theory of Mind" haben, also fähig sind, die Perspektive eines Gegenübers zu begreifen.

So fein, wie die Beiträge miteinander verwoben sind, ergibt sich daraus ein lebendiges und gescheites Lehrstück über Theorien der Entwicklungsgeschichte. Ein Geburtstagsgeschenk, über das sich Darwin sicher sehr gefreut hätte.