Die meisten Linguisten neigen heute der Auffassung zu, dass sämtlichen menschlichen Sprachen derselbe universale Bauplan zu Grunde liegt. Einer, der das radikal in Frage stellt, ist der amerikanische Sprachforscher und Anthropologe Daniel Everett. In seinen Augen gibt es keine Universalgrammatik. Die menschliche Sprache, schreibt er in seinem neuen Buch, sei nichts als ein kulturelles Werkzeug, um das Verarbeiten und Speichern von Informationen, das Kommunizieren und Kooperieren zu erleichtern. Jede ihrer Formen sei in hohem Maß durch die spezifische soziokulturelle Lebenswelt geprägt, in der sie sich herausgebildet habe. Seit Sprachen existierten, gebe es auch die babylonische Sprachverwirrung. Doch gerade von dieser Vielfalt könnten wir ungeheuer profitieren.

Everett hat sieben Jahre bei den Pirahã gelebt, einem indianischen Volk im Amazonas-Tiefland, dem nur einige hundert Menschen angehören. Seinen Untersuchungen zufolge fällt die Sprache dieser Jäger und Sammler völlig aus dem Rahmen. Die Anzahl ihrer Lautklassen (Phoneme)sei verschwindend gering, sie kennten keine Untergliederung in Haupt- und Nebensätze, unterschieden nicht zwischen Singular und Plural, verfügten weder über das Imperfekt noch über andere Vergangenheitsformen. Zudem enthielte die Pirahã-Sprache keine Zahlwörter und auch keine eigenständigen Bezeichnungen für die elementaren Farben.

All dies spreche laut Everett klar gegen eine Universalgrammatik. Die Sprache der Indianer stehe in direktem Zusammenhang mit deren Lebensverhältnissen. So müssten die Pirahã im Alltag nichts zählen; außerdem sei das Verallgemeinern über die Gegenwart hinaus bei ihnen nicht üblich. Beides führe dazu, dass ihr Wortschatz keine Zahlwörter enthalte.

So interessant diese Befunde klingen, sie haben einen großen Haken: Everett ist der Einzige, der sich mit der Sprache der Pirahã einigermaßen auskennt. Seine Behauptungen lassen sich deshalb schwer prüfen. Das wirft den Verdacht auf, der Linguist stelle die Pirahã-Sprache weitaus bizarrer dar, als sie tatsächlich ist.

Everett betont, die menschliche Sprache werde erst dann als kulturelles Werkzeug begreifbar, wenn es gelinge, die Erkenntnisse der modernen Sprachwissenschaft mit denen der Neurobiologie, der Anthropologie, Ethnologie, Psychologie und Soziologie zu verknüpfen. Ihm selbst gelingt das in seinem Buch leider nicht. Jedoch muss man ihm das Verdienst zuerkennen, präzise herauszuarbeiten, woran es den Theorien von einer universalen Grammatik mangelt. Ein anregendes, aber auch anfechtbares Buch.