Rezension | 07.12.2012 | Drucken | Teilen

Gelegenheit macht Lügner

Der Psychologe Dan Ariely hat eine schlechte und eine gute Nachricht: Wir schummeln alle, wenn sich die Gelegenheit bietet und solange es sich mit unserem Selbstbild gerade noch verträgt. Die tief verwurzelte Neigung, uns selbst und andere zu belügen, gerät jedoch mit unserem Wunsch in Konflikt, als gute und ehrliche Menschen dazustehen. Deswegen mogeln wir dann doch nur ein wenig.

Dieses Dilemma erforschte der Autor, Professor an der Duke University in North Carolina, auf sehr unterhaltsame Weise in seinen einfachen, aber gewitzten Schummeltests, die er in vielen Varianten selbst durchgeführt hat. Die Grundidee: In einer Laborsituation sollen Probanden mathematische Probleme unter Zeitdruck lösen, zum Beispiel diejenigen zwei Ziffern in einer Matrix finden, die addiert zehn ergeben. Je mehr korrekte Lösungen die Versuchspersonen finden, desto höher ihre finanzielle Belohnung. Ein Teil von ihnen muss das Lösungsblatt direkt beim Versuchsleiter abgeben – ohne Chance zum Mogeln. Eine zweite Gruppe hingegen darf das Blatt schreddern und meldet dem Versuchsleiter mündlich die Anzahl der Treffer. Diese Gelegenheit, die korrekten Antworten ein wenig höher zu beziffern, nutzen viele Probanden aus: Sie verändern ihre Ergebnisse aber nur ein wenig; im Schnitt geben sie etwa zwei Lösungen mehr an, als die Kontrollgruppe ohne Täuschungschance erzielte.

Unser moralischer Kompass lässt sich jedoch durch einfache Manöver justieren, wie Ariely immer wieder durch Variationen seiner Experimente demonstrierte. Schon eine einfache moralische Gedächtnisstütze unmittelbar vor der Versuchung kann demnach dem Gewissen auf die Sprünge helfen. So sinkt die Mogelrate rapide, wenn den Probanden – egal ob gläubig oder Atheist – zuvor die zehn Gebote in Erinnerung gerufen werden.

Außerhalb des Labors erweisen sich Hobbygolfer als Schummelkönige, etwa bei der Manipulation von Bällen und deren Lage oder beim Berechnen ihrer Scores. Auch vor den Vorräten ihrer Mitmenschen machen die meisten Zeitgenossen nicht Halt. Herrenlose Coladosen werden aus Kühlschränken in Studenten-WGs eher entwendet als die dort zu Versuchszwecken platzierten Dollarschei-ne. Der Geldwert zeigt sich in Speis und Trank eben weniger als in der grünen Banknote. Je weniger wir um den ergaunerten Betrag wissen, umso eher schummeln wir, wie sich auch beim Handeln mit Plastikchips an Stelle von Bargeld zeigt.

Ariely hat eine Reihe von Tricks auf Lager, mit denen sich kleinen Gaunereien vorbeugen lässt. Zum Beispiel sollten Versicherungsformulare zur Meldung von Schadensansprüchen gleich oben auf der Seite die persönliche Unterschrift einfordern – noch vor den eigentlichen Angaben. Denn der eigene gute Name in der ersten Zeile erinnert offenbar daran, dass man für die Angaben bürgt. Eine weitere Kuriosität: Bei einer Taxifahrt in einer fremden Stadt oder beim Tomatenkaufen auf einem Markt wird eine blinde Versuchsleiterin seltener betrogen als eine sehende Kollegin. Offenbar lässt sich der Schwindel unter diesen Umständen schwerer mit einem positiven Selbstbild vereinbaren.

Kurzweilig und leicht verständlich erläutert Ariely viele Experimente, in denen die menschliche Neigung zum Schummeln, Lügen und zur Selbsttäuschung auf den Prüfstand kommt. Die wissenschaftlichen Studien verknüpft er mit vielen autobiografischen Anekdoten. Wer Freude an der Beschreibung psychologischer Versuchsanordnungen hat und sich mit wenig theoretischem Überbau zufrieden gibt, erhält so unterhaltsame Einsichten in verbreitete menschliche Schwächen.

Gehirn und Geist 1–2/2013
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