Rezension | 02.07.2013 | Drucken | Teilen

Gesundheit beginnt im Kopf!

Johann C. Rüegg, emeritierter Ordinarius für Physiologie in Heidelberg, erklärt hier die enge Verknüpfung zwischen Körper und Psyche auf neurobiologischer Grundlage. Nach dem Fachbuch "Gehirn, Psyche und Körper" zum gleichen Thema hat er es sich nun zur Aufgabe gemacht, auch Laien neueste Forschungsergebnisse verständlich und ansprechend nahezubringen. Im vorliegenden Werk konzentriert er sich ganz auf die Herz-Kreislauf-Erkrankungen, immer noch die häufigste Todesursache in den westlichen Industrienationen.

Rüegg beschreibt zunächst in kleinen Schritten und bis hinunter auf die molekulare Ebene, wie ein gesundes Herz funktioniert. Anschließend erläutert er ebenso detailliert die Entstehung verschiedener Herzerkrankungen und Ansatzpunkte für die Therapie, beispielsweise wie chronischer Stress den Herzmuskel und die Gefäße verändert, was schließlich zu einer manifesten Erkrankung der Herzkranzgefäße führen kann.

Besonders eindrücklich schildert Rüegg das "Broken-Heart-Syndrom": In außergewöhnlichen Stresssituationen, wie beispielsweise beim Tod eines Angehörigen oder einer Naturkatastrophe, kommt es zu einer akuten, ballonartigen Erweiterung der Herzspitze, wodurch die Pumpkraft des Herzmuskels plötzlich nachlässt. Da bricht dem Betroffenen im Wortsinn das Herz.

So wie das Gehirn über Nerven direkt und über Hormone indirekt das Herz beeinflussen kann, wirken Herzsymptome über afferente Nervenfasern auch unmittelbar auf das Emotionszentrum im Hirn. Es ist also ganz natürlich, dass Herzrwahrnehmungen Gefühle hervorrufen und insbesondere – wenn nämlich die Großhirnrinde diese Wahrnehmungen als nicht normal einstuft – auch Angst auslösen, die wiederum auf das Herz einwirken kann. Wenn sich dieser Prozess ungebremst aufschaukelt, entsteht eine Herzphobie.

Funktioniert die "bottom-up"-Übermittlung vom unbewussten Emotionszentrum an die bewusste Hirnrinde korrekt, so meldet diese "top-down" zurück, dass gewisse Herzsignale als harmlos zu bewerten sind. Bei Patienten mit Herzangst dagegen ist der "bottom- up"-Weg gestört. Das Emotionszentrum wird dann bei unspezifischen Herzempfindungen unreguliert aktiv und kann so eine Angstreaktion mit körperlichen Symptomen hervorrufen.

Bewusste Änderungen des Verhaltens und der Denkgewohnheiten beeinflussen das Gehirn nicht nur funktionell, sondern auch strukturell, was man sich heute beispielweise in der kognitiven Verhaltenstherapie zu Nutze macht. Für solche Einsichten muss man übrigens kein Neurobiologe sein: Schon Immanuel Kant ist auf diese Weise Herr seiner Herzangst geworden.

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass bereits die geballte Faust in der Hosentasche den Sympathikus aktiviert, jenen Teil des vegetativen Nervensystems, der insbesondere den Blutdruck hochtreibt. Diese Erkenntnis lässt die Beobachtung, dass Hypertoniker oft zurückhaltende Menschen mit unterdrücktem Zorn oder verdrängter Aggressivität sind, in neuem Licht erscheinen. Statt immer wieder eine unkontrollierte Stressreaktion ablaufen zu lassen, könnte ein Hochdruckpatient seinem Körper eine Entspannungsreaktion antrainieren. Ob er seinen Stress durch Wandern, Gartenpflege oder Zen-Meditation reduziert, bleibt dem Geschmack des Einzelnen überlassen.

Nach Rüegg sind an einer chronischen Herzinsuffizienz nicht nur das Herz selbst, sondern auch Skelettmuskulatur, Immunsystem, Hormone, autonomes Nervensystem und die Psyche beteiligt. Herzinsuffizienz und Depressionen verstärken sich gegenseitig. Das körperliche Korrelat dazu scheinen Entzündungsmediatoren wie Interleukin-6 und Tumornekrosefaktor alpha zu sein, die sowohl im Hirn die Stimmung als auch im Herzen die Pumpfunktion beeinträchtigen. In solchen Fällen erzielt körperliche Bewegung, etwa ein Fitnesstraining, vergleichbare Wirkungen wie moderne Antidepressiva.

Auch dieses "herzige" Büchlein enthält altbekannte Ratschläge für ein gesünderes Leben. Hier sind sie allerdings so ausführlich wissenschaftlich belegt, dass sie jeden vernunftorientierten Menschen überzeugen müssten.

Für den medizinischen Laien sind die komplexen wissenschaftlichen Zusammenhänge harte Kost. Eine gewisse Vorbildung oder zumindest ein ambitioniertes Interesse wären sicher vorteilhaft. Auf jeden Fall bringt Rüegg den Leser durch seine sehr detaillierten Erläuterungen auf einen recht aktuellen Stand der Forschung. Alle, die sich für Herz-Kreislauf-Erkrankungen interessieren oder selbst davon betroffen sind, werden in diesem Buch anspruchsvolle, aber gut verständliche Informationen finden. Die wirklich interessanten Partien, die Rüegg häufig mit einem Fragesatz einleitet, hätte er noch etwas ausführlicher darstellen können.

Spektrum der Wissenschaft 07/2013
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