Neutrinos galten lange als Außenseiter im Teilchenzoo. Sie sind zwar überall im Universum, ihr Nachweis ist aber extrem schwierig. Gegenüber den Stars der Szene, wie dem Top-Quark oder dem ominösen Gottesteilchen namens "Higgs", wirken sie seltsam blass und kraftlos. Die Schwache Wechselwirkung ist wohl ihr Schicksal. Das hat sich Mitte 2011 mit einem Schlag geändert: Die allesdurchdringenden Neutrinos sind plötzlich auf den Titelseiten, denn sie haben offenbar eine furchtbare Tat begangen.

Die Anklage lautet auf Überschreitung des absoluten Tempolimits im Universum! Nach den Messdaten bewegen sie sich mit Überlichtgeschwindigkeit – und dazu noch bei einer Ruhemasse größer Null. Eine ungeheuerliche Provokation für die Anhänger von Einsteins Relativitätstheorie. Haben die extrem leichten Neutrinos etwa eine Abkürzung über die Extradimensionen der Stringtheorie genommen? Das hätte ungeahnte Konsequenzen für unser Verständnis von Raum, Zeit und Kausalität.

Von diesen spektakulären (und ebenso umstrittenen) Daten steht im Buch von Heinrich Päs, Physikprofessor an der TU Dortmund, noch nichts. Hätte der Autor nur ein halbes Jahr gewartet! Ich prophezeie nun eine Welle von Neutrino-Büchern. Ob die "Die perfekte Welle" davon profitiert oder sich am Strand verläuft, bleibt abzuwarten. Es ist unfair, denn das Buch ist seit mehr als 15 Jahren das erste über Neutrinos auf dem deutschen Markt – und dann fehlt unverschuldet das vielleicht wichtigste Kapitel.

Der "feierfreudige Surfer und Weltenbummler" Päs wird das wohl verkraften und notfalls seine Dortmunder Stammkneipe "Kraftstoff" aufsuchen. Er ist schließlich Überraschungen von seinem Lieblingsteilchen gewohnt. Das Buch ist voll davon. Es erzählt spannende Geschichten von Theorien, beginnend mit Wolfgang Paulis Postulat des "kleinen Neutrons" im Jahr 1930, und Experimenten, die mit höchster Empfindlichkeit in tiefen Schächten den seltsamen Mitgliedern der Neutrinofamilie nachspüren.

Natürlich sind auch die vielen beteiligten Physiker ein Thema (das Personenregister hat über 300 Einträge). Die Neutrinogemeinde agiert mittlerweile weltweit: von Hawaii bis zur Antarktis. Der Autor scheint fast alle Mitglieder zu kennen – und deren Eigenheiten. Da ist etwa John Learned, der "krummbeinige Riese mit Rauschebart, Schlapphut und überdimensionalen Brillengläsern, der die Straßen Honolulus mit einem uralten Cadillac, genannt 'der Wal', unsicher macht und in mindestens einem US-Staat per Haftbefehl gesucht wird".

Trotz des lockeren Schreibstils ist Vorsicht geboten, das Buch hat es in sich. Päs ist Theoretiker und wer nicht über gewisse Vorkenntnisse verfügt, verfängt sich leicht im Dickicht aus links- und rechtshändigen Neutrinos/Antineutrinos, Isospin, Flavor-Oszillationen, Eichsymmetrien, Branen und Extradimensionen – SUSY auf der Quanten-Wippe ("Seesaw") lässt grüßen! Hier ein typischer Satz: "Wenn die Brane kleine Schwingungen aufweist oder die Extradimension so gewarpt ist, dass der Raum parallel zur Brane gestaucht wird, dann ist ein steriles Neutrino in der Extradimension schneller als auf der Brane." Was im Übrigen zeigt, dass der Autor es schon immer gewusst hat: Neutrinos sind besonders fixe Kerlchen. Mit ihrem "Warp-Antrieb" lassen sie jedes Photon stehen!

Ob "Die perfekte Welle" etwas für konservative Leser ist, möchte ich bezweifeln. Es hat so gar nichts von einem klassischen Lehrbuch. Das zeigt schon die coole These "Teilchenphysik ist wie Surfen". Neben dem physikalischen Wissen, das auf 250 Seiten umfassend und kompetent vermittelt wird, geht es auch um Philosophie, Sciencefiction (hier insbesondere das Thema "Zeitreisen"), Musik ("Major Tom") und sogar um Drogen ("Magic Mushrooms") – insgesamt eine eigenwillige Mischung. Päs schaut gerne über den Tellerrand und zeigt viele interessante Verbindungen auf, illustriert von einigen schwarzweißen Abbildungen. Ich finde das Buch informativ und erfrischend offen. Es zeigt viel von der Person des Autors.

Die unscheinbaren Neutrinos werden uns noch stark beschäftigen. Sie haben das Potenzial für eine Revolution des physikalischen Weltbilds, das zu stagnieren droht. Vielleicht sind sie wirklich Wellenreiter zwischen den Dimensionen und führen zu einer Oase neuer Physik "jenseits der Wüste". Eine ähnliche Hoffnung hegt auch Doolittle am Schluss des Kultfilms "Dark Star": Nach der Zerstörung seines Raumschiffes durch eine philosophierende Bombe treibt er durchs All, bis er ein Trümmerteil erreicht, um darauf in die Atmosphäre eines Planeten zu surfen! Es tut sich etwas "an den Grenzen von Raum und Zeit"!