In seinem Alterswerk "Die soziale Eroberung der Erde" geht der 83-jährige Edward O. Wilson vor allem einer Frage nach: "Woher kommen wir?". Unsere soziale Intelligenz ist seiner Meinung nach das glückliche Ergebnis zufälliger evolutionärer Anpassungen des Menschen: aufrechter Gang, feinmotorische Hände, fleischliche Ernährung für ein großes Gehirn und der Bau von Nestern, in denen mehrere Generationen zusammenlebten – das alles habe zusammenkommen müssen, um Eusozialität entstehen zu lassen. Als eusozial bezeichnet man Gruppen, die sich verteidigen, als wären sie ein Individuum. Der Biologe unterstreicht seine Behauptungen mit Fakten aus der Ameisen- und Termitenforschung, seinem eigentlichen Fachgebiet. Die Evolution des Menschen sei der sozialer Insekten ähnlich, da hier nicht nur die am besten angepassten Individuen, sondern auch die am besten kooperierenden Gruppen im Vorteil waren.

Bisher gingen Soziobiologen vor allem von verwandtschaftlichen Beziehungen als Ursache für altruistisches Verhalten aus, während die Gruppenselektion als neue Theorie umstritten ist. In seinem Buch wendet Wilson diese Theorie der Gruppenselektion, unter der Frage "Was sind wir?" auf die Menschheit an: Die Janusköpfigkeit des Menschen, das permanente Oszillieren zwischen Altruismus und Egoismus sei uns evolutionär in die Wiege gelegt. Die Evolution begünstigte also zum einen durchsetzungsstarke Egoisten, aber auch Gruppen von Individuen die zu persönlichem Verzicht für die Gemeinschaft fähig waren. Diese Zerrissenheit zwischen Selbstlosigkeit und Einzelkämpferdasein tobe in jedem Menschen und sei die Keimzelle von Kunst und Geisteswissenschaften. Ob die Leser diese Ansicht teilen oder verstehen werden, erscheint jedoch fragwürdig.

Edward O. Wilsons Buch ist gut lesbar und verständlich geschrieben. Jedoch strotzt es vor Selbstbewusstsein, da er einzig der Soziobiologie zutraut, das menschliche Wesen wahrhaftig zu erkunden. Geisteswissenschaftlichen Disziplinen erkennt er jegliches Erklärungsrecht ab und behauptet, dass die Menschen auf dem philosophischen Weg zu keinem brauchbaren Selbstverständnis finden werden. Im Kapitel "Wohin gehen wir?" erinnert das Buch immer mehr an ein persönliches Manifest, da der Autor das Leben erst als lebenswert erachtet, wenn die Menschheit "Spiritualität und unnützes geisteswissenschaftliches Tasten" durch die reine Vernunft biologischer Selbsterkenntnis ersetzt.

Auch wenn Wilson an gewissen Stellen die Grenze zur Arroganz überschreitet, beeindruckt er mit umfangreichem Wissen in biologischen, verhaltensbiologischen und anthropologischen Sachverhalten, die spannend vermittelt werden.