Edward Osborne Wilson, kurz E. O. Wilson, ist einer der renommiertesten Biologen der Gegenwart. Sein Buch "Sociobiology: The new synthesis" avancierte 1971 rasch zur Bibel der Soziobiologie, einer neuen Disziplin, die das Wechselspiel von Evolution und sozialem Verhalten im engen Verbund mit der Populationsbiologie betrachtet. Wilson, Jahrgang 1929, hat zeitlebens insbesondere das Zusammenleben der Ameisen erforscht. Insofern überrascht es, dass er sich, gleichsam als Krönung seines Lebenswerks, nunmehr der biologischen Geschichte des Menschen zuwendet. Mehr noch, Wilson wagt sich sogar an eine "neue Synthese" von Natur- und Geisteswissenschaften. Kann das gut gehen?

Es geht über weite Strecken sogar außerordentlich gut. Dennoch leidet dieses an und für sich großartige Buch an einer konzeptionellen Grundschwäche: Während Anthropologen die nähere Verwandtschaft aufzusuchen pflegen, um quasi vom Affenfelsen aus einen Blick auf die menschliche Natur zu werfen, wandert Wilson stattdessen auf den nächsten Termitenhügel oder Ameisenhaufen. Das ist gewöhnungsbedürftig. Wilson vergleicht die Entwicklung dieser beiden "sozialen Eroberer der Erde", obwohl es da nicht viel zu vergleichen gibt. Vielmehr betont er selbst mehrfach den fundamentalen Unterschied: In einer Insektenkolonie produziert eine Königin mittels reinen Instinktverhaltens eine "automatenhafte Nachkommenschaft", Menschengruppen hingegen beruhen auf individueller Bindung und Kooperation.

Glücklicherweise vermag der zweifache Pulitzerpreisträger nicht nur hinreißende Ameisenprosa zu schreiben. Mit seinem immensen biologischen, verhaltenspsychologischen und anthropologischen Wissen gelingt es Wilson trotz allem, eine tragfähige Brücke zwischen Insekten und Menschen zu schlagen. Indem er jene Erfindungen ausführlich würdigt, die vor allem die staatenbildenden Insekten bei ihrer Eroberung der Erde voranbrachten, beschreibt er zugleich die Kräfte der sozialen Evolution. Darin eingebettet sind die Grundfragen nach der Natur des Menschen: Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?

Wir sind das Ergebnis eines einmaligen evolutionären Prozesses. Unsere genetische Fitness ist eine Folge der "Multilevel-Selektion", das heißt eines Wechselspiels verschiedener Selektionskräfte, die an Merkmalen individueller Gruppenmitglieder wie auch der Gruppe als Gesamtheit angreifen. Damit die Multilevel-Selektion die Menschheit durch das Labyrinth der Evolution schleusen konnte, mussten jedoch einige Eigenschaften bereits vorhanden sein: ein ausbaufähiges Gehirn, greiffähige Hände sowie die simple Tatsache, dass unsere Vorfahren Landlebewesen waren. "Ein Schweinswal oder ein Polyp kann noch so ein brillanter Denker sein, aber er kann keinen Blasebalg erfinden und nicht schmieden. Und er kann keine Kultur entwickeln, die ein Mikroskop baut, die oxidative Chemie der Photosynthese erschließt oder die Saturnmonde fotografiert."

Eine der "ganz großen Innovationen" in der Geschichte des Lebens ist die Eusozialität: Mehrere Generationen einer Art sind unter altruistischer Arbeitsteilung zu Gruppen organisiert. Erfinder sind die Insekten; sie sind den Menschen dabei um rund 175 Millionen Jahre zuvorgekommen. Doch während Eusozialität sich bei Insekten durch individuelle Selektion an der Linie der Königin herausbildete, entstand sie beim Vormenschen auf Grund eines Wechselspiels von Individual- und Gruppenselektion: "In Kolonien aus tatsächlich kooperierenden Individuen (also beim Menschen …) belohnt die Selektion unter genetisch unterschiedlichen Einzelmitgliedern egoistisches Verhalten. Im menschlichen Gruppenvergleich dagegen belohnt die Selektion normalerweise Altruismus zwischen den Koloniemitgliedern."

Das Stichwort Altruismus bietet Wilson denn auch eine willkommene Steilvorlage, um der längst schwer angeschlagenen Theorie von der "Verwandtenselektion" beziehungsweise "Gesamtfitness" den Fangschuss zu geben. "Egoistische Gene" mag es zwar geben, doch als treibende Kraft der Evolution scheiden sie aus. Die Vorstellung vom "Altruismus" in einer Insektenkolonie ist "eine hübsche Metapher", jedoch ohne analytischen Wert: "Als Gegenstand einer allgemeinen Theorie", so Wilson, "ist die Gesamtfitness ein trügerisches mathematisches Konstrukt; unter keinen Umständen lässt es sich so fassen, dass es wirkliche biologische Bedeutung erhält."

Wilson gibt zu, dass auch ihm die – vor allem von Richard Dawkins vertretene – "Theorie vom egoistischen Gen" zunächst ganz und gar vernünftig vorkam. Nach eingehender empirischer Überprüfung könne Verwandtenselektion jedoch allenfalls noch als Spezialfall gelten. Ihre langjährige Überhöhung zum evolutionsbiologischen Dogma habe der Wissenschaft mehr geschadet als genützt, denn im Gegensatz zum üblichen wissenschaftlichen Verfahren wurde erst "hypothetisch die zentrale Rolle der Verwandtschaft und der Verwandtenselektion festgelegt, dann wurde nach Beweisen gesucht, die diese Hypothese belegen sollten", mit dem Effekt, dass konkurrierende Hypothesen gar nicht erst in Betracht gezogen wurden.

Wilsons "neue Synthese" von Natur und Geisteswissenschaften entpuppt sich als freundlich-gönnerhaftes Übernahmeangebot: Die Deutungshoheit hinsichtlich der Frage "Was ist der Mensch?" liegt allein bei den Biowissenschaften. Denn die Spezies Mensch hat ihre "einzigartige, auf Kultur fußende soziale Lebensform" zwar in einem "aus Kultur und Genetik kombinierten Prozess" erlangt (Theorie der Gen-Kultur-Koevolution), doch die inneren, ultimaten Ursachen dafür kann allein die Biologie erklären. Erst dank der modernen Naturwissenschaften können wir "jetzt vernünftig erklären, warum die Menschheit einzigartig ist, warum es zu etwas Vergleichbarem kein zweites Mal gekommen ist und warum es damit so lange gedauert hat".

Dagegen sei die Geschichte der Geisteswissenschaften vor allem eine Geschichte gescheiterter Erkenntnismodelle: "Die Ökonomen haben die menschliche Natur im Großen und Ganzen umfahren, während die Philosophen, die so kühn waren, sie erkunden zu wollen, sich unterwegs immer verrannt haben. Theologen neigen zur Kapitulation und weisen sie in unterschiedlichen Anteilen Gott und dem Teufel zu. Politische Ideologien von Anarchismus bis Faschismus definieren sie zu ihrem egoistischen Vorteil." Immerhin überlässt es Wilson großzügig den Geistes- und Sozialwissenschaften, sich "den proximaten, äußerlich sichtbaren Phänomenen der menschlichen Wahrnehmungen und Gedanken" zu widmen.

Über weite Strecken des Buchs vermag Wilson zu faszinieren, aber auch niveauvoll zu provozieren. Sein abschließender Ausblick "Wohin gehen wir?" indes wirkt vergleichsweise uninspiriert. Diese Mischung aus etwas Wissenschaft, viel Spekulation und noch mehr persönlicher Meinung ist nur etwas für Leser, die immer schon wissen wollten, was Wilson über Aliens, Künstliche Intelligenz, Internet, Klimaerwärmung und Regenwaldabholzung denkt.

Trotz mancher Schwächen und Überlängen ist dieses Buch das beeindruckende Vermächtnis eines bedeutenden Wissenschaftlers, der zudem einmal mehr den Nachweis erbracht hat, welch ein großer Autor er ist.