Der Bogen ist sehr weit gespannt. Er beginnt bei der griechischen Naturphilosophie und reicht über Keplers Suche nach Weltharmonien bis zur modernen Naturwissenschaft mit Urknall, Entstehung der Materie, der Entwicklung vom Einzeller zum denkenden Menschen und schließlich zu außerirdischem Leben. In diese große Reise flicht der Verfasser unterhaltsam seine eigene Lebensgeschichte ein: Aufgewachsen in den brasilianischen Tropen mit den Beobachtungsmöglichkeiten von vielfältigsten Lebensformen, als Jugendlicher angeregt durch viele Bücher zum Studium letzter Wahrheiten in Physik und Kosmologie, forscht er heute als Professor für Physik und Astronomie am Dartmouth College in den USA.

Dabei entwickelte er sich zunehmend zum Zweifler an der Vollkommenheit der Schöpfung und unserer Erkenntnisfähigkeit. Sein Wandel in der Sicht auf die Natur und das Leben ist der rote Faden des Buchs, den er, wissenschaftlich genau und doch allgemein verständlich, erzählend verfolgt. 150 Seiten des Buchs sind den Asymmetrien der Physik und Kosmologie gewidmet. Es gibt nur "linkshändige" Neutrinos, trotz jahrzehntelanger Suche sind keine magnetischen Monopole gefunden worden. Die vier fundamentalen Grundkräfte lassen sich nicht überzeugend in einer Theorie vereinigen. Die Superstringtheorie könnte die Schwerkraft mit den drei anderen Kräften vereint darstellen, aber diesen Versuch sieht der Verfasser sehr kritisch. Nach vereinheitlichten Theorien sind Protonen instabil, ihr Zerfall wurde aber noch nie beobachtet.

Symmetrie und Vollkommenheit, Schönheit und Einfachheit waren bisher die Leitgedanken bei der Erforschung der Natur, begründet durch unseren monotheistischen Glauben. Gleiser ermuntert dazu, die Asymmetrien und die dauerhafte Unvollkommenheit unseres Wissens anzunehmen. Die Suche nach der Weltformel hält er für einen Irrweg. Nur die Abweichungen vom Vollkommenen bewirken andauernde Entwicklung, ihr verdanken wir unsere Existenz. Ebenfalls über 150 Seiten lang werden die Entstehung des Lebens und die Einmaligkeit unseres Daseins geschildert. Es beginnt spannungsreich mit der Entstehung des Kosmos, seiner Ausdehnung mit exakt der richtigen Geschwindigkeit, so dass Wasserstoffwolken entstehen konnten, aus denen schließlich Sterne wurden.

Acht Milliarden Jahre nach dem Urknall ging in der Urmilchstraße eine Supernova hoch, die eine"… einsame wasserstoffreiche Wolke mit Chemikalien des Lebens – Kohlenstoff, Stickstoff, Natrium, Eisen besprenkelte (…) und sie instabil werden ließ", unsere Sonne und ihre Planeten entstanden. Das ist alles stark verkürzt, wird aber aufregend und richtig geschildert. Einfaches Leben entstand schnell in warmen Tümpeln, wahrscheinlich mehrfach. Zwei Milliarden Jahre lang lebten ausschließlich Einzeller auf der Erde, sie schufen die Ozonschicht, die Voraussetzung für die Entwicklung höheren Lebens. Und dieses Leben ist wieder asymmetrisch: Die Aminosäuren in Proteinen sind linksdrehend, sie drehen die Polarisationsebene bei Durchleuchtung nach links, die Zucker in RNA oder DNA sind rechtsdrehend.

Hier gaben die anderthalb Jahrhunderte zurückliegenden Forschungen Pasteurs zur unterschiedlichen Polarisation der natürlichen und der im Labor hergestellten Weinsäure wichtige Anstöße ("Das Universum ist dissymmetrisch!"). Diese chirale Asymmetrie der spiegelbildlichen Moleküle kann in der Pharmazie zu verheerenden Folgen führen, so beim Contergan, wie man im umfangreichen und lehrreichen Anhang nebenbei erfährt. Wann in der Evolution des Lebens wurde die Chiralität der Aminosäuren und der Zucker festgelegt?

Die chemisch-biologische Entstehung des Lebens wird in neun abgeschlossene Schritte zerlegt, von denen jeder eine Vielzahl von Bedingungen voraussetzt und die deshalb schwierig zu vollziehen sind. Zu den Voraussetzungen gehört beispielsweise die Plattentektonik der Erde, die als globaler Thermostat das Wasser (aus dem das Leben entsprang) jahrmilliardenlang flüssig gehalten hat. Der intelligente Mensch schließlich hat nur 0,02 Prozent der Erdgeschichte miterlebt. Am Ende dieses Kapitels ist der Leser überzeugt: Komplexes Leben anderswo im Universum ist extrem unwahrscheinlich. Je komplexer das Leben, desto fragiler. Wir werden mit "den Anderen" niemals kommunizieren.

Am Ende der langen Reise durch die Weltgeschichte kann es nur ein Ziel geben, die Menschheit muss das einzigartige Leben auf der einsamen Erde erhalten! Tatsächlich gefährden wir es inzwischen vielerorten. Das Buch verdient das Urteil spannend, wissenschaftlich genau, aktuell, verantwortungsvoll und gut in klares Deutsch übersetzt. Bei dem anspruchsvollen Thema ist es erstaunlich, dass dieses Buch ohne Abbildungen, Tabellen und Formeln auskommt. Die Bilder sollen durch ausführliche Erklärungen im Kopf des Lesers entstehen.

Einzelne Kapitel könnte der eilige Leser etwas weitschweifig finden, wenn bei Analysen alle möglichen Fälle behandelt werden, auch die unwahrscheinlichen und die weit zurückliegenden Vermutungen. Dafür erwirbt man Allgemeinwissen und erfährt Geschichtliches aus Philosophie und den Naturwissenschaften. Wer weiß, dass Kepler als Erster eine Erzählung über das Leben außerhalb der Erde schrieb? Anrührend ist der Besuch des Autors in Keplers Geburtshaus in Weil der Stadt beschrieben. Wer noch nicht da war, wird sich nach dem Lesen des Buchs zu dieser Erlebnisreise aufmachen müssen.