Rezension | 10.02.2012 | Drucken | Teilen

Multiversen verstehen

Die Rezension bezieht sich auf die englische Originalausgabe des Titels (Anm. d. Red.).

Brian Greene, hauptberuflich Professor für Mathematik und Physik an der Columbia University in New York, ist ein Spezialist dafür, komplexe Inhalte der Physik mit cleveren Analogien so zu erklären, dass seine Leser Zusammenhänge und Konzepte zumindest bis zu einem gewissen Grade selbst verstehen können. "The Hidden Reality" ist das dritte Buch einer Reihe. Nach "Das Elegante Universum", in dem die Stringtheorie im Mittelpunkt stand, und "Der Stoff, aus dem der Kosmos ist", in dem Greene auf einzelne Teilaspekte aus dem Umfeld der Quantengravitation genauer einging, geht es diesmal um ein einziges, freilich sehr reichhaltiges Thema: um "Multiversen", in denen das, was wir üblicherweise als unser Universum definieren, nur eine von vielen mehr oder weniger voneinander unabhängigen Welten ist. Eine deutsche Übersetzung soll im März 2012 im Siedler-Verlag erscheinen.

Multiversen, so eine Hauptaussage Greenes, ergeben sich in überraschend vielfältigen Zusammenhängen, wenn man die grundlegenden physikalischen Theorien weiterverfolgt. Die verschiedenen Sorten von Multiversum stellt er in seinem Buch eine nach dem anderen vor Vom Patchwork-Multiversum, wie es sich in einem Raum unendlicher Ausdehnung zwangsläufig ergeben dürfte, über das Multiversum der Inflationsmodelle und die im höherdimensionalen Raum schwebenden "Branwelten" der Stringtheorie, die holografische Entsprechung zwischen drei- und zweidimensionalen Welten (AdS-CFT-Korrespondenz) bis hin zur "String-Landschaft". Auch die Viele- Welten-Version der Quantentheorie fehlt nicht, ebenso wie einige noch spekulativere Vorschläge aus dem Grenzbereich von Philosophie und Mathematik.

Greene führt dabei in jedem Kapitel das zum Verständnis nötige Grundwissen ein – von den kosmologischen Modellen über Inflation und Quantentheorie bis zur Stringtheorie und den Schwarzen Löchern. So wird auch dieses Buch zu einem Streifzug durch weite Teile der modernen Physik; ein gewisser Überlapp mit den ersten beiden Werken besteht dabei durchaus, ist aber nicht sehr umfangreich. Die das Verständnis fördernden Analogien, die insbesondere Leser des ersten Buchs sehr zu schätzen wussten, finden sich auch hier; sehr schön sind beispielsweise die Darstellung kosmologischer Entfernungsbegriffe mit Hilfe einer Landkarte mit veränderlichem Maßstab und die Beschreibung der Viele-Welten-Formulierung der Quantentheorie gelungen.

Im Gegensatz zum ersten Buch, dessen Erklärungsniveau gegen Ende hin stark ansteigt und das dort einige Leser auf der Strecke gelassen haben dürfte, ist das Niveau des vorliegenden Werks weit gehend konstant. Allerdings will es Lesern nicht nur einen bunten Bilderbogen bieten, sondern sie die wichtigsten Argumente nachvollziehen lassen. Es lässt sich damit durchaus der anspruchsvolleren populärwissenschaftlichen Literatur zurechnen.

An einigen Stellen, an denen Greene etwas tiefer in die Fachwissenschaft einsteigt, bietet er seinen Lesern explizit die Möglichkeit an, zu springen. Mehr als die ersten beiden Bücher dürfte "Die verborgene Wirklichkeit" auch für Wissenschaftler interessant sein, die sonst in punkto Kosmologie und Teilchenphysik eher nicht zu populärwissenschaftlicher Literatur greifen. An der Frage, ob Multiversen noch zur Wissenschaft gehören oder eben nicht, scheiden sich die Geister, und die unterschiedlichen Standpunkte werden zum Teil recht vehement vertreten.

Hier dürfte Greenes Darstellung zum Beispiel auch für Astronomen und Astrophysiker von Interesse sein, die sich einen Überblick über den Stand der Dinge verschaffen möchten: Greene präsentiert eine Übersicht der Argumente Pro und Kontra, die weitaus differenzierter und überzeugender ausfällt als alles, was ich aus anderen allgemein verständlichen Aufbereitungen des Multiversum Themas kenne.

Fragen der Überprüfbarkeit – und diesbezügliche Parallelen zwischen Multiversums- und herkömmlicheren Theorien – und anthropische Überlegungen (inwieweit müssen wir den Umstand, dass unser Universum überhaupt intelligente Beobachter zulässt, in unsere Schlüsse einbeziehen?) werden ausführlich beleuchtet. Zum aktuellen Zustand der Stringtheorie, der in diesem Zusammenhang auftaucht, dürften zahlreiche Forscher, die sich mit Quantengravitation beschäftigen, allerdings eine deutlich vorsichtigere und skeptischere Einschätzung vertreten als Greene in diesem Buch.

Insgesamt ist Greenes Buch damit nicht nur als populärwissenschaftliches Werk interessant, sondern ein wichtiger Beitrag zu einer Diskussion innerhalb der Physik, die uns noch einige Jahre begleiten dürfte.

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