"Wissenschaft liefert uns anhand unserer aktuellen Erkenntnisse stets das beste Bild – aber sie ist ein fortwährender Prozess." Dem Autor war sicher kaum bewusst, wie treffend dieser Satz für sein Werk steht. Es zeichnet nämlich ein verblüffend umfassendes Bild von der vollen Bandbreite der Naturwissenschaften – mit einer spannenden Reise von den unendlichen Weiten des Universums bis in die kleinste menschliche Zelle.

Dies erreicht er durch unzählige Kurzgeschichten, die sich aneinandergereiht wie eine einzige große lesen, mit einem dicken roten Faden, obwohl es in einer um unsere Augen oder Haare geht und in der nächsten plötzlich um den Urknall. Durch diese Erzählstrategie ergeben sich teils skurrile, aber stets lehrreiche Abstecher zu Hintergründen, die selbst erfahrene Naturwissenschaftler garantiert nicht alle kennen. So gelangt der Autor von den Auswirkungen pharmakologischer Substanzen auf unser Gehirn über die Geschichte des Aspirins bis zum Vertrag von Versailles, weil dort festgelegt wurde, dass der Markenname Aspirin in Großbritannien und anderen Unterzeichnerländern des Vertrags von jedermann verwendet werden darf.

Selbst komplexe physikalische Gesetze wie die heisenbergsche Unschärferelation erklärt Brian Clegg äußerst lebensnah und laientauglich. Der Leser bekommt kleine Anekdoten serviert, etwa wie der schottische Botaniker Robert Brown die nach ihm benannte Molekularbewegung entdeckte, wie Quarks zu ihrem Namen kamen oder wie Dmitri Mendelejew nach und nach die Idee des Periodensystems der Elemente entwickelte, ehe er sie 1869 der Weltöffentlichkeit präsentierte – Dinge, die man in Universitätsvorlesungen so spannend und historisch vollständig sicher nicht zu hören bekommt.

Clegg reißt den wissenschaftlich vorgeprägten Leser vom etablierten Modelldenken weg und zerrt ihn auf der Leiter der Forschung eine Sprosse tiefer. Damit eröffnet er ihm einen fast jungfräulichen Blick: auf den im Titel genannten eigenen Körper und vor allem auf den Rest der Welt. So kommt uns die Ladung der Quarks – ein Drittel oder zwei Drittel der Elementarladung – merkwürdig kompliziert vor. Falsche Perspektive, sagt Clegg. Die Quarks selbst sind das Elementare, und deren Ladung müsste eigentlich als Recheneinheit dienen.

"Die Vermessung des Körpers" ist sich nicht zu schade, komplexe Sachverhalte von Grund auf zu erklären. Das Werk ließe sich problemlos als cooles, spannendes Einsteiger- und Fortgeschrittenenlehrbuch für Schüler verwenden. Und auch Fachleuten bietet es so manches Aha-Erlebnis zu Hintergründen, die man zuvor schlichtweg nicht hinterfragt hat. So macht Wissenschaft Spaß!

Der britische Humor des Autors ist bei der Übersetzung ins Deutsche nicht auf der Strecke geblieben. Und auch die eingebauten Mitmachexperimente haben eine besondere Komik. Hätten Sie gewusst, dass man trockenen Fußes über einen Swimmingpool voller Vanillesoße wandern kann? Vor allem aber wartet dieser Rundumschlag über alle Naturwissenschaften mit allumfassendem, geballtem Allgemeinwissen auf. Auf den 280 Textseiten lässt sich dabei nur eine einzige Schwachstelle identifizieren: Zu Beginn des Werks erzählt Clegg, dass unsere Vorfahren vor etwa 100 000 Jahren die letzten genetischen Veränderungen durchlebten, die sie zu modernen Menschen machten. Im Schlusskapitel jedoch führt er ausgiebig aus, warum Arten nicht zu fixen Terminen entstehen. Evolution sei vielmehr ein dynamischer Prozess, der nie aufhöre und bei dem sich minimale Veränderungen über Millionen von Jahren stetig anhäuften. Doch dieser kleine Widerspruch sei dem erfolgreichen Popularisierer der Wissenschaft verziehen.

Denn auf der anderen Seite überwiegen die zahlreichen Stärken des Sachbuchs. Diese blitzen immer dann auf, wenn Clegg Phänomene hinterfragt, die man einfach hinzunehmen pflegt – etwa dass die meisten Menschen noch heute nachts geboren werden, weil das in dunkler Vorzeit Schutz vor Räubern bot. Oder wenn er Mythen aufklärt, die sich in den Köpfen der Menschen eingenistet haben: Entgegen der landläufigen Meinung enthält Meerwasser kein Salz, sondern nur Natrium- und Chloridionen; und unsere Vorfahren im Mittelalter wurden deutlich älter, als wir denken, weil ihr niedriges Durchschnittsalter von der damals hohen Kindersterblichkeit herrührte.

Spätestens wenn Clegg erklärt, warum Riesenspinnen und andere Monster ein physikalisches Ding der Unmöglichkeit sind, fragt man sich: Wie kann ein einziger Wissenschaftslehrer einen so allumfassenden Blick auf die Welt vermitteln?