Lisa Randall, die Autorin des vorliegenden Werks, dürfte den Lesern von "Sterne und Weltraum" vor allem als aktive Forscherin auf den Themenfeldern Stringtheorie, Extradimensionen und verwandte Gebiete bekannt sein. Zudem ist sie Autorin populärer Zeitschriftenartikel und eines erfolgreichen populärwissenschaftlichen Buchs ("Verborgene Universen: Eine Reise in den extradimensionalen Raum"). In der Tat sind ihre fachlichen und didaktischen Beiträge in diesen Bereichen mehr als beachtlich. Insbesondere möchte ich hervorheben, dass Randall auch in eigentlich theoretischen Arbeiten die Forderung der prinzipiellen experimentellen Überprüfbarkeit der Modelle sehr weit gehend mit einbezogen hat.

Das hier besprochene Buch lässt sich nun einerseits als populärwissenschaftliches Werk ansehen, andererseits erhebt es aber auch einen viel breiteren Anspruch als die allgemein verständliche Darstellung der Physik jenseits des Standardmodells. Die Überschrift des amerikanischen Originals – "Knocking on Heaven's Door. How Physics and Scientific Thinking Illuminate the Universe and the Modern World" – macht klar, dass es Lisa Randall nicht nur um die bisherigen Schritte der Wissenschaft auf dem Weg zu einer fundamentalen Theorie geht, sondern auch um die Frage des Weltbilds an sich. Hier unterscheidet sich das vorliegende Werk deutlich von "Verborgene Universen".

Dennoch bleibt der rote Faden natürlich immer die Frage, ob wir mit den Mitteln der theoretischen Physik irgendwann ein umfassendes Verständnis der Natur erlangen können. Da aber einerseits die thematische Breite enorm ist und andererseits Zusammenhänge nicht immer stringent und bis in die letzten Details erklärt werden, setzt die Autorin durchaus ein nennenswertes Vorwissen voraus, damit ihr Buch mit Gewinn gelesen werden kann. Auch wenn sie selbst das vorliegende Werk als Vorläufer zu "Verborgene Universen" begreifen möchte, so bin ich geneigt hier zu widersprechen oder doch zumindest einzuhaken: Nicht in dem Sinne dass der Anspruch von "Die Vermessung des Universums" grundlegenderer Natur, fundamentaler ist – das ist zweifellos richtig.

Wohl aber in der Hinsicht, dass zumindest ein Teil der Leserschaft zuerst einmal in im thematischen Umfang begrenzter und dadurch fokussierter Art und Weise in die Gedankenwelt der theoretischen (Teilchen-) Physik eingeführt werden sollte. Liegt eine solche Vorbildung aber vor, so ist das Buch eine beeindruckende Lektüre: Untergliedert in sechs Abschnitte befasst sich die Autorin zuerst sehr gründlich mit der Frage was Wissenschaft eigentlich ausmacht. Hier findet sich auch – sicherlich für viele Leser überraschend – eine sehr kritische Auseinandersetzung mit religiösen Ideen. Manch einer mag sich hier gar an berühmte Vorgänger wie Carl Sagan und "Der Drache in meiner Garage oder Die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven" erinnert fühlen.

In Teil 2 schwenkt Randall aber deutlich zurück in Richtung einer umfassenden, wenn auch notwendigerweise nicht extrem tief gehenden Beschreibung unseres derzeitigen Bilds des Universums. Die beiden folgenden Abschnitte bilden gewissermaßen den Kern des Buchs und widmen sich sehr ausführlich den Beschleunigerexperimenten – und hier speziell den LHCExperimenten – als momentan schärfste Waffe der Teilchenphysik. Man merkt der Autorin sowohl ihre enorme Fachkenntnis als auch die schiere Begeisterung für die experimentellen Möglichkeiten an. Von aktuell höchstem Interesse sind natürlich ihre detaillierten und umfassenden Ausführungen zur Higgs-Physik, denn hier gelang ja im vergangenen Jahr sehr wahrscheinlich der ersehnte Durchbruch zur Entdeckung des letzten fehlenden Bausteins im Standardmodell der Teilchenphysik.

In Teil 5 schwenkt die Autorin dann wiederum zurück zur Frage, wie sich derartige Fortschritte auf unser Verständnis der mikroskopisch kleinen Bauteile der Welt auf unser Bild des makroskopischen Kosmos auswirken. Dem geneigten Leser fallen hier sicherlich sogleich die Stichworte "Dunkle Materie" und "Dunkle Energie " ein, denen Randall in der Tat auch ein eigenes Unterkapitel widmet. Der abschließende Abschnitt steht vielleicht am ehesten wieder in der Tradition von Teil 1, denn hier greift die Autorin erneut die Frage der Bedeutung des naturwissenschaftlichen Weltbilds für unser Leben insgesamt auf. Diesmal aber nimmt die gesellschaftliche und auch politische Relevanz des wissenschaftlichen Denkens und aktueller Forschungsergebnisse großen Raum ein. Denkt man nur an die hitzigen und teils abwegigen Argumente, die häufig von so genannten Klimaskeptikern in die öffentliche Debatte zum Thema Klimawandel eingebracht werden, so möchte man dem vorliegenden Buch, und speziell diesem Abschnitt, in der Tat weite Verbreitung wünschen!

Genau das bleibt auch als Fazit festzuhalten: ein Buch, das mit enormem Gewinn gelesen und rezipiert werden kann, wofür aber ein überdurchschnittlich großes Maß an Vorbildung vonnöten sein wird. Auch wenn natürlich die letzten und großen Fragen nach einer fundamentalen Theorie in diesem Buch naturgemäß nicht abschließend beantwortet werden können – die Bedeutung des naturwissenschaftlichen Denkens für uns alle ist davon gar nicht abhängig!