In einer anderen Welt habe ich dieses Buch nie gelesen – in wieder einer anderen ist es nie erschienen. Und in einer vierten gehört das Multiversum längst zur Allgemeinbildung und dieser Text rezensiert ein Buch, das die unglaubliche Theorie eines einzigen existierenden Universums vorstellt. "Wo leben wir eigentlich? Und wenn ja, wie oft?" fragen die Autoren Tobias Hürter und Max Rauner in ihrem Buch "Die verrückte Welt der Paralleluniversen". Dabei führen sie den Leser bis an die Grenzen seiner Vorstellungskraft, denn die Zeiten, in denen der Kosmos mit der Erde als Zentrum und einigen wenigen Planeten noch übersichtlich schien, sind lange vorbei.

Der Inhalt des Buchs hält, was die Aufmachung verspricht: Es macht Spaß. Die Autoren erklären aktuelle Fakten und Hintergründe auf unterhaltsame und gut verständliche Art. Dabei richten sie sich nicht an Fachleute – um den Gedankengängen folgen zu können, muss man nicht Astrophysik studiert haben, Interesse am Thema ist völlig ausreichend. Dazu passen auch die kleinen Comic-Zeichnungen, die an Stelle von Grafiken oder Diagrammen das Buch illustrieren.

Um den Leser behutsam in die durchaus komplizierte Thematik einzuführen, beginnen die Autoren mit dem Anfang der wissenschaftlichen Astronomie in der Antike. Nachvollziehbar erläutern sie, wie sich das geozentrische zum heliozentrischen Weltbild wandelte und über das Konzept der Unendlichkeit eine erste Idee des Multiversums erschien. Der Leser lernt Leben und Gedankengänge wichtiger Forscher beinahe schon live kennen, so anschaulich und detailliert beschreiben Hürter und Rauner deren Vorlieben und Marotten.

Immer wieder streuen die Autoren Rückblenden ein, die erläutern sollen, wie einzelne Ideen entstanden und populär geworden sind. Dass die Autoren dabei jedoch immer wieder bis ins Mittelalter oder die Antike zurückgreifen, stört den Lesefluss teilweise erheblich ebenso wie unnötige Wiederholungen. Außerdem werden an mehren Stellen Fachbegriffe kurz eingeführt, aber erst mehrere Seiten später ausführlich erklärt. Die lockere Erzählweise macht diese Mängel allerdings wieder wett. Und wer bei den vielen Forschernamen ins Schleudern kommt, findet auf den letzten Seiten ein Personenregister zum Nachlesen.

Wie sich beim Urknall der Raum so ausgedehnt haben soll, dass er flach wurde, oder wie Schrödingers Katze nach der Quantentheorie gleichzeitig tot und lebendig sein kann, ist kaum vorstellbar, obwohl sich die Autoren beim Erklären redliche Mühe geben. Und selbst die Forscher scheinen sich in ihrer Vorstellungskraft von möglichen Multiversen stark zu unterscheiden: Das Modell, in dem sich der Kosmos unendlich erstreckt und damit unendlich viele Welten vorkommen, oder Universen, die sich teilen und so neue Universen erschaffen, oder ein Multiversum, in dem selbst die Naturkonstanten nicht mehr gelten, sind nur drei der verschiedenen Ideen, die das Buch vorstellt.

Auch philosophische und religiöse Fragen des neuen Weltbilds bleiben nicht unerwähnt. Ersetzt es die tröstende Wirkung der Religion, wenn man an das Multiversum glaubt? Was bedeutet es für mich, wenn mein Doppelgänger in einer anderen Welt ein Verbrechen begeht? Wie beeinflussen meine Taten die Paralleluniversen? Und wo bleibt eigentlich Gott? Hier ergeben sich spannende Denkanstöße, die neben den wissenschaftlichen Theorien ganz neue Perspektiven eröffnen und sich in geselliger Runde hervorragend für Diskussionen eignen.

Leben wir nun nur in einer Welt von vielen innerhalb des Multiversums? Wo die Wissenschaft bisher keine klare Antwort kennt, halten sich auch Hürter und Rauner zurück. Im Epilog diskutieren sie noch einmal die logische Problematik des Themas: Wenn es alle möglichen Welten gäbe, dann doch auch viele, die sich nicht in Paralleluniversen befänden. Ihr Fazit: Die Frage nach dem Multiversum bleibt immer interessant, selbst wenn es keine klare Antwort gibt oder geben kann. Und diese Faszination reichen sie mit einer gelungenen Mischung aus Unterhaltung und Anspruch an ihren Leser weiter.