Seit die Vereinten Nationen 1992 die Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt (das "Rio-Abkommen") verabschiedeten, ist der Begriff Biodiversität in aller Munde. Doch was hat sich in über 20 Jahren wirklich getan, um die Vielfalt des Lebens auf diesem Planeten zu erhalten?

Um dieser und anderen Fragen nachzugehen, versammelte Erwin Beck, renommierter Botaniker und inzwischen emeritierter Professor für Pflanzenphysiologie, leitende Wissenschaftler sowie junge Nachwuchskräfte großer deutscher Forschungsorganisationen zu einer Bestandsaufnahme. In spannenden Berichten und mit informativen Exkursen bringen uns mehr als 40 Wissenschaftler zunächst ihre aktuellen Forschungsergebnisse, dann aber auch ihre ganz persönliche Faszination nahe. Da stört es nicht, dass die 22 Fachartikel nicht immer aufeinander abgestimmt und etwas beliebig auf die sechs Hauptkapitel verteilt sind.

Biodiversität umfasst per Definition drei unterschiedliche Vielfalten: die der Ökosysteme, die der Arten und die des genetischen Materials innerhalb jeder einzelnen Art. In Deutschland ist sie Staatsziel, seit das Bundeskabinett 2007 die "Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt" verabschiedete – unter der aus menschlicher Sicht nicht ganz uneigennützigen Devise "schützen, nutzen, leben". Erhaltung und nachhaltige Nutzung dieser Vielfalt gelten weltweit als wichtige Grundlagen für den menschlichen Fortbestand. Durch die Verwirklichung von mehreren hundert Zielen und Maßnahmen soll bis 2020 nicht nur der Rückgang der Biodiversität aufgehalten, sondern der Trend sogar umgekehrt werden; denn eine nachhaltige Nutzung setzt Organismenvielfalt voraus.

Der erste Buchteil "Biologische Vielfalt entdecken", konzipiert als eine Art "Reiseführer" zu den Hotspots der Biodiversität, beginnt mit einem recht exotisch anmutenden Beispiel: winzigen Pfeilwürmern, deren Bedeutung erst jüngst die Tiefseeforschung herausgearbeitet hat. Im zweiten Teil geht es um die mikroskopisch kleinen Lebewesen, welche die Existenz aller höheren Organsimen einschließlich des Menschen maßgeblich bestimmen. Sie sind die Erzeuger von Sauerstoff und Treibhausgasen, lebensnotwendiger Bestandteil unseres Verdauungstraktes (Bakterien) und Veredler unserer Nahrung (Hefepilze). Eine intensive Auseinandersetzung mit ihnen zeigt nur zu deutlich, dass wir die morphologische Diversität, die genetische und biochemische Vielfalt und die unglaublichen Anpassungsstrategien dieser Organismengruppe noch nicht annähernd erfasst haben. Und das, obwohl inzwischen feststeht, dass beinahe alles, was in einem Ökosystem geschieht, einzig von seinen Bewohnern abhängt.

Als Beispiele für die Entstehung von Biodiversität werden im dritten Hauptteil "Biodiversität verstehen" behandelt: die Artbildung bei Enziangewächsen, der Erfolg der hochdiversen Bromelien (Ananasgewächse) bei der Besiedlung unterschiedlichster Lebensräume auf dem amerikanischen Kontinent sowie die immer noch nicht abgeschlossenen Suche nach Mechanismen, die zur Artenvielfalt führen. Dass dafür sowohl tropische Sonnenstrahlfische als auch Korallenriffe im kalten Wasser des Nordatlantiks bemüht werden, macht die Lektüre gerade für den Einsteiger interessant.

Um die Funktionen biologischer Vielfalt tatsächlich verstehen zu können, braucht man Modelle wie zum Beispiel vergleichende Anpflanzungen, welche die Auswirkungen des Artensterbens und die Zerstörung von Lebensräumen und Lebensgemeinschaften auf Ökosystemebene untersuchen. Als Beispiel dienen die Binnengewässer, die über einen ähnlich großen Artenreichtum verfügen wie die Regenwälder, aber wegen der intensiven Wechselwirkung mit ihrer Umgebung wesentlich stärker durch menschliche Einflüsse gefährdet sind als andere Ökosysteme.

Der vierte Buchteil beschreibt die zahlreichen extremen Umwelten. Neben dem Leben im ewigen Eis der Pole stehen so genannte biologische Krusten auf Boden oder Fels als besonders angepasste Lebensgemeinschaften im Mittelpunkt der Betrachtung. Dass landwirtschaftliche Bodennutzung und biologische Vielfalt sich unter bestimmten Voraussetzungen nicht ausschließen müssen, erfährt der vielleicht erstaunte Leser im fünften Teil des Bands.

Endlich erhält auch die private Forschung, die Laien in der Freizeit und auf eigene Kosten betreiben, die nötige Anerkennung. Bis heute leisten Hobbyforscher viele teure und zeitaufwändige Kartierungen und Zählungen wie etwa zur Erstellung der Roten Listen sowie detaillierte biologische Langzeituntersuchungen zur Verbreitung und Bestandsentwicklung bestimmter Tier und Pflanzengruppen – und zwar nachweislich nicht schlechter als die Experten. Immerhin ist der prominenteste Vertreter dieser "Citizen Science" Charles Darwin. Auch Erwin Beck würdigt die Bürgerforschung und fordert die aktive Beteiligung junger und erwachsener Menschen, nicht zuletzt, um kommende Herausforderungen wie beispielsweise den Klimawandel meistern zu können. Nicht jeder menschliche Eingriff in die Natur ist negativ, so Beck. Vielmehr seien moderate Eingriffe mit dem Ziel, Ökosysteme reicher und stabiler zu gestalten, durchaus nützlich.

Mit einer Diskussion über die Krise der Biodiversität schließt das 246 Seiten starke Sachbuch. Ein Index und ein ausführliches Autorenverzeichnis tragen zur Übersicht bei.

Das Buch ist fachlich auf dem aktuellen Stand und wirkt mit seinem ansprechenden Einband und den vielen Abbildungen durchaus attraktiv. Inhaltlich bedient es den vorinformierten Leser so gut, dass es mit Sicherheit sein Publikum finden wird. Doch die eigentliche angestrebte Zielgruppe, alle Naturinteressierten und insbesondere Lehrer und andere Multiplikatoren, wird an vielen Stellen deutlich überfordert sein, Laien werden frühzeitig die Lektüre beenden – und das, obgleich Claudia von See, Wissenschaftsjournalistin und Chefredakteurin der Zeitschrift "Biologie in unserer Zeit", die Texte hervorragend aufbereitet hat.