Ein medizinkritisches Sachbuch mit dem Titel "Die weiße Mafia" kann beim Leser eigentlich nur zwei mögliche Erwartungen wecken: Entweder das Werk enthält sensationelle Enthüllungen über die Machenschaften von Ärzten und Pharmaindustrie – oder aber viel heiße Luft. Leider gehört das Buch des TV-Journalisten Frank Wittig zur zweiten Kategorie. Wer den Anspruch erhebt, die Umtriebe krimineller Organisationen aufzudecken, sollte mehr zu bieten haben als die Einsicht, dass die Aussicht auf Profite Begehrlichkeiten weckt, die nicht immer der guten Sache dienen. Zu viele Gemeinplätze und Vagheiten, zu wenig echte Investigation. So verleiht man der (berechtigten) Kritik am hiesigen Gesundheitssystem kaum Schlagkraft.

Dabei benennt Wittig echte Missstände, etwa das Problem der Übertherapie: Es gibt viele Indizien dafür, dass Ärzte mehr untersuchen, behandeln und operieren, als eigentlich nötig wäre – allen Risiken und Nebenwirkungen zum Trotz. Der Autor liefert auch gute Beispiele, darunter die Inflation der Vorsorgechecks oder überflüssige OPs an Rücken, Knie oder Unterleib. Wittig macht zudem auf jene Bedingungen aufmerksam, die diese Tendenzen fördern: die Selbstreferenz der Fachgesellschaften, ihre Verflechtungen mit der Industrie oder das gültige Abrechnungssystem, das therapeutischen Aktionismus geradezu belohnt.

Schade nur, dass solche Kritik meist dazu dient, das ebenso schrille wie schlichte Leitmotiv von der großen Verschwörung auszumalen. So verfällt auch Wittig in einseitige Argumentation und abwegige Schlussfolgerungen.

Beispiel Statintherapie: Wittig tut so, als würden Menschen allein wegen Blutfettwerten mit fraglichem Krankheitswert zu Patienten erklärt. Das entspricht nicht dem Behandlungsstandard. Der Gemeinsame Bundesausschuss empfiehlt Statinpräparate bei bestimmten Gefäßrisiken, die klinisch gut untersucht sind. Der Ruf der Blutfettsenker mag dank massiver PRKampagnen besser sein als ihr wirklicher Nutzen. Die lebensverlängernde Wirkung bei Risikopatienten ist allerdings belegt. Das räumt der Autor beiläufig ein, verurteilt die Mittel dennoch aber als "Nonsenspharmazie" an "völlig Gesunden".

Weit aus dem Fenster lehnt sich Wittig auch beim Thema Bluthochdruck. Milde Hypertonie bis 159/99 sei eine "Nonsenskrankheit", welche Patienten produziere, die keine seien. Das folgert er aus einer einzigen Metaanalyse mit kurzem Beobachtungszeitraum. Die Studienautoren selbst zogen ein sehr viel vorsichtigeres Fazit.

Letztes Beispiel: Eierstockoperationen. 15,8 Prozent aller Entfernungen des Ovars erfolgten "ohne pathologischen Befund", zitiert Wittig aus dem "Aqua-Qualitätsreport". Dienen solche Eingriffe folglich nur dem Profit der Operateure? Damit verdreht der Autor die Tatsachen, denn ob ein Eingriff sinnvoll war, kann man nicht nach dem Ergebnis beurteilen. Ein Krebsverdacht lässt sich im Vorfeld eben nicht sicher klären.

Wittig greift gerne auf Anekdotisches zurück, um seine Thesen zu stützen. Selbst eigene Kindheitserlebnisse müssen gelegentlich dafür herhalten. Doch dieses Fundament trägt nicht seine fulminanten Schlussfolgerungen. Und der Hinweis auf andere Medienberichte oder Internetforen geht nicht als seriöse Recherche durch.

Entsprechend altbekannt ist das meiste, was Wittig "aufdeckt". Zudem stammen die Daten, die er als Belege für jene große Konspiration anführt, überwiegend aus der medizinischen Wissenschaft selbst – "das System" scheint also durchaus zu wirksamen Kontrollen fähig. Wittigs Buch spricht wichtige Fehlentwicklungen an, ist jedoch zu nebulös und aufgeregt, um wirklich Konstruktives zu liefern. So werden viele Leser von den überspitzten Thesen eher verunsichert, als dass sie profunde Einsichten daraus gewinnen.