Die Geschichte gibt zuweilen Rätsel auf. Eines davon betrifft die Ausbreitung des Christentums. Immer wieder kommt die Frage auf, wie es einer kleinen religiösen Splittergruppe gelingen konnte, ihren Glauben derart im römischen Imperium zu verbreiten, dass darüber gleich der gesamte heidnische Götterhimmel einstürzte. Worüber sich Generationen von Gelehrten die Köpfe zerbrachen, darauf hat nun Werner Dahlheim eine ebenso simple wie einleuchtende Antwort parat. Die Kernthese des Althistorikers, der vormals an der TU Berlin lehrte: Es war die Weltmacht Rom, deren Imperium dem Christentum den Boden bereitete, auf dem die Saat des galiläischen Zimmermanns aufgehen konnte.

Als der römische Statthalter Pontius Pilatus den jüdischen Wanderprediger Jesus von Nazareth zum Tode am Kreuz verurteilte, da dominierte Rom schon seit mehr als 100 Jahren die antike Welt. Das Imperium hatte die "Pax Romana" (lat. für "römischer Friede") durchgesetzt und damit eine lange Zeit der Kriege beendet. An Spaniens Atlantikküste und in der judäischen Wüste, an Rhein, Donau, Euphrat und Nil standen Roms Legionen. Überall galten dieselben Gesetze und zahlte man mit der gleichen Münze. Ein gut ausgebautes Straßennetz von rund 6000 Kilometer Länge durchzog einen gemeinsamen Wirtschaftsraum, dem die römische Ordnungsmacht innere und äußere Stabilität verlieh.

Indes – Rom gab den Völkern Frieden, aber keinen universalen Glauben. Zwar wurden überall im Imperium prachtvolle Tempel für Jupiter und Diana, Mars, Venus und Minerva errichtet. Und im Westen des Reichs verehrte man die Kaiser nach ihrem Tod als Götter (im Osten bereits zu Lebzeiten). Doch das hatte mehr mit Politik zu tun als mit Spiritualität. Es war ein Kult, in dem sich die Untertanen öffentlich zum Imperium bekannten und staatstragenden Götzen huldigten. Deren Würdigung war Pflicht, berührte aber nicht die Seelen.

Die neue Religion aus dem fernen Judäa wusste diese Leere auszufüllen. Denn anders als der formalistische und höchst unromantische Götterkult Roms hatte das Christentum seinen Gläubigen einiges zu bieten: Emotion, Spiritualität und vor allem die Aussicht auf ein besseres Leben im Jenseits. Hinzu kamen die christliche Ethik und das in der Nächstenliebe wurzelnde sozialkaritative Engagement; beide berührten die Menschen, die vielfach nach neuen sozialen Bindungen suchten.

Kenntnisreich weiß der Autor diese Zusammenhänge in seinem Buch zu erläutern. Er erzählt zum einen die Geschichte des Römischen Reichs in der Zeit, in der sich das Christentum ausbreitete – angefangen mit Jesus von Nazareth und dem Apostel Petrus, dessen Botschaft zunächst vor allem in den Städten des hellenistischen Ostens Fuß fasste. Zum anderen erklärt er, warum die Christen mit den heidnischen Römern in Konflikt gerieten und welchen Anfeindungen sie ausgesetzt waren, die schließlich in blutigen Christenverfolgungen kulminierten. Detailliert erfährt der Leser, wie der monotheistische Glaube im heidnischen Vielgötterstaat Fuß fasste und zu Beginn des 4. Jahrhunderts von Kaiser Konstantin als "religio licita", als reichsweit erlaubte Glaubensgemeinschaft, anerkannt wurde. Unter der Regierung Kaiser Theodosius’ schließlich (379-394) wurde das Gedankengut der vormals kleinen jüdischen Sekte zur Staatsreligion erhoben.

Was danach kam, war die Verkehrung der Verhältnisse in ihr Gegenteil. Fortan begegneten die Christen den Andersgläubigen mit jener Intoleranz und Unbarmherzigkeit, die ihnen zuvor von der römischen Staatsmacht entgegengebracht worden war. Deren Götter und Kulte lehnten sie als "dämonisches Teufelszeug" ab.

Werner Dahlheim ist mit seinem Buch ein großer Wurf gelungen. Meisterhaft versteht er es, die Entstehung des Christentums in die Geschichte des Imperium Romanum einzubetten und das damalige Geschehen anschaulich, nüchtern und vorurteilsfrei darzustellen.