Als Albrecht Dürer 1484 ohne höhere Schulbildung eine Goldschmiedelehre bei seinem Vater antrat, schien seine Zukunft gesichert zu sein – denn von allen handwerklichen Berufen jener Zeit brachte der des Goldschmieds das höchste Einkommen und das meiste Pres­tige ein. Doch kurz vor dem Ende der regulären Lehrzeit brach Dürer diese Ausbildung ab und konnte seinen Vater schließlich überreden, ihm zu erlauben, in der Werkstatt des Malers Michael Wolgemut ein weiteres Handwerk zu erlernen. Nach wie vor ist nicht geklärt, was Dürer dazu veranlasst hat, zur Malerei zu wechseln. Nicht selten muss zur Erklärung das Klischee von der genialen Künstlerpersönlichkeit herhalten, die angeblich nicht umhinkann, gegen die Zwänge der Konvention zu rebellieren. Thomas Schauerte hält sich nicht lange mit dieser antiquierten Hypothese auf. In seinen Augen ist es ohne Weiteres möglich, dass Dürer seine Entscheidung schlüssig begründen konnte – auch und gerade gegenüber seinem eigenen Vater.

Aus epoc 2/2012
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Ebenfalls im Jahr 1484 hat sich der junge Albrecht mit Hilfe eines Spiegels selbst porträtiert. In diese berühmte Silberstiftzeichnung ist viel hineingedeutet worden. Der Autor lässt hiervon fast nichts gelten. Und er arbeitet heraus, welche technischen Probleme der 13-Jährige damals noch außer Stande war zu lösen.

Schauerte, der das Albrecht-Dürer-Haus in Nürnberg und die Graphische Sammlung der Nürnberger Museen leitet, gehört zweifellos zu den profundesten Dürerkennern im deutschen Sprachraum. Das kommt auf jeder Seite dieses Buches zum Ausdruck. Er wartet mit einer Fülle minu­tiöser Detailanalysen auf, korrigiert etliche Forschungs­irrtümer, weist auf etliche Forschungslücken hin, räumt mit einer ganzen Reihe von Mythen auf, lässt sich aber an keiner Stelle auf Spekulationen oder gewagte Aussagen ein.

Ein hochgelehrte, äußerst präzise und detailreiche intellektuelle Biografie Dürers. Das Buch wendet sich aber in erster Linie an Spezialisten und diejenigen, die sich schon längere Zeit mit Dürer beschäftigt haben.