Rezension | 23.11.2012 | Drucken | Teilen

Im Strudel der Lüge

von

Beim Schreiben eines Fachartikels schläft der Kieler Biologieprofessor Hermann Pauli vor dem Computer ein. Mitten in der Nacht wecken ihn Geräusche, und dann tropft auch noch Wasser von der Decke. Als er nachsieht, findet er im obersten Stockwerk des Instituts eine Leiche – ausgerechnet in den Arbeitsräumen des gefeierten Starwissenschaftlers Frank Moebus. Wenig später wird ein zweiter Toter entdeckt; auch er gehörte zu Moebus’ Arbeitsgruppe. Die Polizei steht vor einem Rätsel. Hat der Fall etwas mit den urtümlichen Zellen zu tun, die Moebus in der Tiefsee aufgespürt hat und mit denen er weltweit für Schlagzeilen sorgte?

Bewegung kommt in die Sache, als prominente Forscher einen offenen Brief an Moebus schreiben. Darin werfen sie ihm vor, er überlasse ihnen trotz wiederholter Bitten keine Proben der Zellen: ein klarer Verstoß gegen gute wissenschaftliche Praxis. Neugierig geworden, beginnt Hermann Pauli mit Nachforschungen, zumal die Polizei wenig Interesse für die fachlichen Hintergründe erübrigt. Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen aus Moebus’ Arbeitsgruppe werfen Fragen auf. Warum war ein unerfahrener Doktorand damit befasst, das Erbgut der Tiefseezellen zu entschlüsseln? Welcher Art ist das merkwürdige Verhältnis zwischen Moebus und seinen Mitarbeitern? Gibt es einen Zusammenhang zwischen all diesen Dingen? In Pauli keimt ein unheimlicher Verdacht. Als er später ein Laborbuch aus der Gruppe findet, werden selbst seine schlimmsten Befürchtungen weit übertroffen.

In seinem neuesten Wissenschaftskrimi erzählt der promovierte Biologe und vielfach ausgezeichnete Autor Bernhard Kegel eine fesselnde Geschichte über Betrug in der Wissenschaft. Die Handlung des Romans ist frei erfunden, aber von echten Fälschungsskandalen inspiriert – etwa dem des koreanischen Stammzellforschers Hwang Woo-Suk, des deutschen Physikers Jan Hendrik Schön oder der Krebsforscher Friedhelm Herrmann und Marion Brach. Mit gut aufeinander abgestimmten Handlungssträngen, überzeugend gezeichneten Charakteren und einem Spannungsbogen, der sich bis zum Ende durchzieht, bereitet Kegel das Thema packend und verständlich auf. Dabei verbindet er erzählerische Fülle gekonnt mit dem Sinn fürs Wesentliche.

"Ein tiefer Fall" knüpft lose an Kegels ebenfalls lesenswerten Roman "Der Rote" an. Man muss diesen aber nicht kennen, um vom neuen Krimi fasziniert zu sein. Kegel gelingt es sehr gut, die Welt der Wissenschaft zu skizzieren, ohne dabei in ermüdende Erklärungen zu verfallen. Wohldosiert, eingebettet in die Krimigeschichte und diese sinnvoll ergänzend vermittelt er Fachwissen, Denkweisen, Hierarchien und Gepflogenheiten des Forschungsbetriebs. Wissenschaft erscheint hier weder als selbstverliebte Eigenschau noch als klischeehafte Beschreibung von außen, sondern als kenntnisreich geschilderte Tätigkeit von Menschen, die Stärken und Schwächen haben. Ein empfehlenswertes Buch, das auch Laien ohne Weiteres in den Bann ziehen kann.

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