Religiös orientierte Leser werden den Braten schnell riechen. Das Nachwort des Buches stammt schließlich von Richard Dawkins, dem wohl populärsten Glaubenskritiker. Und für das Vorwort war ursprünglich mit Christopher Hitchens ein weiterer prominenter Atheist vorgesehen. Lawrence Krauss, Professor für Astrophysik an der Arizona State University, zeigt sich – nicht zum ersten Mal – als entschiedener Gegner religiöser Vorstellungen in der Naturwissenschaft, insbesondere der Kosmologie. Auf dem Klappentext heißt es dazu: "[der Autor] schont dabei niemanden; weder Philosophen noch Theologen noch sich selbst". Und so zeigt gleich der erste Satz des Vorworts wo es lang geht: "Ich will von Anfang an mit offenen Karten spielen und bekennen, dass ich nichts mit der Vorstellung anfangen kann, die Schöpfung erfordere einen Schöpfer – eine Behauptung, welche die Grundlage aller Religionen der Welt bildet." Alle, die noch an Gottes Schöpfungsakt (Urknall?) glauben, werden in diesem 250-seitigen Buch gnadenlos mit Fakten konfrontiert, die letztlich in der Erkenntnis kulminieren, dass "Nichts" die Ursache allen Seins ist. Gott – ohnehin schon zum Lückenbüßer degradiert – ist also weiter auf dem Rückzug.

Krauss gelingt es, seine Argumente logisch und klar zu entwickeln. Er ist Experte für Teilchenphysik und Kosmologie. Diese scheinbar diametrale Kombination von Mikro- und Makrophysik hat in letzter Zeit zu bedeutenden Erkenntnissen über das Universum, seine Entstehung und Entwicklung geführt. Ein Meilenstein war die Entdeckung der Dunklen Energie zur Jahrtausendwende. Sie öffnet dem bereits bekannten quantenmechanischen Vakuum das Tor zum Kosmos. Es ist offenbar die treibende Kraft sowohl der frühen, inflationären Ausdehnungsphase wie auch der gegenwärtigen, beschleunigten Expansion. Mit dem "Nichts" ist also das Vakuum gemeint, ein Zustand, der von heftiger Aktivität geprägt ist – Heisenbergs Unbestimmtheitsrelation zwischen Energie und Zeit macht es möglich. Sie erlaubt, das extrem kurzzeitige "spontane" – Entstehen und Vernichten von Energie/Materie. Aus dem Nichts kann also per Zufall Materielles geschaffen werden! Die ewige Frage "Warum ist Etwas und nicht Nichts?" lässt sich also heute im Rahmen der Quantenkosmologie sinnvoll beantworten. Krauss geht dazu im Vorwort mit dem theologisch-philosophischen "Nichts" hart, aber auf amüsante Weise ins Gericht. Natürlich steckt diese Theorie noch in den Kinderschuhen, fehlt doch nach wie vor eine überzeugende Synthese von Quantenfeldtheorie und Allgemeiner Relativitätstheorie. Den von vielen Physikern favorisierten Kandidaten "Stringtheorie" sieht der Autor übrigens kritisch.

Krauss geht das komplexe Thema in elf Kapiteln an. Sie zeugen von großem Sachverstand und sind verständlich geschrieben. Leider gibt es nur wenige Abbildungen; Stichwortverzeichnis und Literaturliste fehlen ganz. Man lernt viel über das Universum und seine Bestandteile, zu denen eben auch das Vakuum gehört. Alle relevanten astro- und teilchenphysikalischen Begriffe werden ausführlich behandelt. Manchmal erfährt man auch Überraschendes, wie auf S. 69: Wenn früher der Fernsehsender um Mitternacht abschaltete, war "ungefähr ein Prozent des auf der Mattscheibe sichtbaren statistischen Rauschens vom Urknall übrig gebliebene Strahlung." Krauss wagt auch immer wieder Ausflüge in Philosophie und Theologie. Seriös und unpolemisch demonstriert er, dass beide Disziplinen in der Vergangenheit nicht unbedingt zum wissenschaftlichen Fortschritt beigetragen haben. Selbst berühmte Physiker wie Newton ließen sich von theologischen Argumenten leiten, etwa dessen Vorstellung einer gottgegebenen absoluten Zeit und eines absoluten Raums. Eine Besserung ist hier leider nicht in Sicht.

Kritik richtet sich allein an Übersetzer beziehungsweise Lektor. Der Text enthält diverse unklare Formulierungen. So heißt es auf Seite 31 zum Doppler-Effekt, dass der Ton "zunehmend höher" werde, wenn sich die Quelle nähert. Die Frequenz bleibt natürlich (bei konstanter Geschwindigkeit) gleich. Nicht ganz korrekt ist auch die Aussage, Vera Rubin hätte ihre vielen Auszeichnungen für "bahnbrechenden Messungen zur Rotationsgeschwindigkeit unserer Galaxie" erhalten (S. 47). Tatsächlich hat sie nicht die Milchstraße, sondern eine große Zahl von Galaxien untersucht. Auf S. 67 ist von der "Möglichkeit so genannter hyperbolischer gekrümmter Geometrien" die Rede; hier sollte es "hyperbolisch-gekrümmter Geometrien" heißen. Mangelnde Sorgfalt zeigt sich auch, wenn es auf den Seiten 113 und 117 heißt: "Typ 1a-Supernova" (statt "Ia") oder "High-2-Supernova-Projekt" (statt "High-z"; oft wird auch ein großes Z für die Rotverschiebung verwendet). Schlecht oder nicht übersetzt sind überdies Begriffe wie "Cluster" (Haufen), "Hauptsequenz" (Hauptreihe; im Original "main sequence") oder "Bezugsrahmen" (Bezugssystem; im Original "reference frame").

Fazit: Trotz der gelegentlichen textlichen Schwächen ist "Ein Universum aus dem Nichts" ein lesenswertes Buch auf hohem wissenschaftlichem Niveau. Klar, es gibt auf diesem populären Gebiet viel gedruckte Konkurrenz, kaum ein Autor schreibt aber so mutig wie Lawrence Krauss. Seine Meinung zur "Theologie des Kosmos" ist erfrischend deutlich. Religion sollte sich nicht in Dinge einmischen, über die sie keine falsifizierbaren Aussagen treffen kann. Harte empirische Fakten über Raum, Zeit und Materie lassen sich nicht mit verschwurbelten Argumenten aushebeln. Wer also bereit ist "Dogmen" kritisch zu hinterfragen, wird das Buch auch ohne besondere Vorkenntnisse lehrreich, spannend und unterhaltsam finden. Dawkins hat es im Nachwort treffend formuliert: "Nichts erweitert den Geist so sehr wie das sich ausdehnende Universum."