Dava Sobel hat es vorgemacht: In „Längengrad“ schrieb sie über den Uhrmacher John Harrison und führte ihre Leser nicht nur in eine vergangene Zeit, sondern brachte ihnen auch die Geisteshaltung und den Wissenshorizont einer ganzen Epoche nahe. Nun versucht sich Simon Winchester an einem ähnlichen Projekt — der Geschichte von William Smith, geboren 1769 in Oxfordshire in England, dem die Geologie elementare Erkenntnisse verdankt. Zunächst einmal der Inhalt: Smith entstammte als Bauerssohn zwar der britischen Unterklasse. Dennoch konnte er sich aus ihr befreien: Angetrieben von naturwissenschaftlicher Neugier wurde er Kanal- und Bergbauingenieur im Südwesten Englands und schließlich ein gefragter Mann. Bei seiner Arbeit hat er — für die damals gerade entstandene Wissenschaft der Geologie — zwei grundlegende Beobachtungen gemacht. Erstens, dass die Gesteinsschichten Englands nicht unvorhersagbar angeordnet sind, sondern einem bestimmten Muster folgen. Wenn also an einem Ort unter der so genannten "Roterde" Kohle zu finden ist, ist dies auch an einem anderen Ort häufig der Fall. Zweitens lässt sich das relative Alter der Gesteinsschichten anhand des jeweiligen Fossilinhalts bestimmen. Hierdurch bleibt zwar das absolute Alter unbekannt; festgestellt werden kann aber, dass das eine Sedimentgestein vor oder nach einem anderen entstanden ist. Mit der Entdeckung dieser beiden Umstände ging William Smith als Vater der "Stratigraphie", einer zentralen Disziplin der heutigen Geowissenschaften, in die Wissenschaftsgeschichte ein. Sein Schaffen erreichte den Höhepunkt, als er nach Jahrzehnten einsamer Forschung und Zigtausenden, kreuz und quer durch Großbritannien zurückgelegten Kilometern die erste echte kolorierte, geologische Karte erstellte. Simon Winchester hat sich mit William Smith eine Figur mit einer spannenden Biografie vorgenommen. Denn Smith war nicht nur ein genialer Beobachter. Er hatte auch stets mit den Mächtigen zu kämpfen. Ihnen war die wissenschaftliche Arbeit durch ihre höhere gesellschaftliche Stellung vorbehalten, und einen Underdog wie Smith konnten sie nur schwer akzeptieren. Außerdem hatte William Smith offenbar zwei Fehler, die sein Leben prägten und ihn zu einer tragischen Figur machten: Er war zu vertrauensselig (so dass sich andere mit seinen Federn schmücken konnten) und er hatte keinen Sinn für seine Finanzen. Nun zur Umsetzung der Geschichte: Tja … Winchester hätte aus dem interessanten Stoff mehr machen können. Viele Passagen wiederholen sich, viele Anmerkungen sind mehr als überflüssig und sollen wohl die Fleißarbeit des Autors dokumentieren. Der größte Patzer ist jedoch die verwirrende und falsche Darstellung der tektonischen Verhältnisse des englischen Untergrundes genau in jenem Abschnitt, in dem William Smith der Groschen fällt. Liegt es am Autor? Liegt es an der Übersetzung? Letzteres kann nicht ausgeschlossen werden: Immer wieder sind Beispiele für unglückliche oder wissenschaftlich nicht haltbare Ausdrucksweisen zu finden. Nun zur Aufmachung: Bücher über Geologie — insbesondere solche, in denen Laien die Geologie erklärt wird — brauchen eingängige Karten und Abbildungen. Erst recht dann, wenn die Geschichte in unbekannten Gegenden spielt. Was nutzt es den Lesern, wenn der Autor fortwährend Orts- und Landschaftsnamen benutzt, ohne eine optische Orientierungshilfe zu geben? Also: Es müssen mehr geologische, geographische und morphologische Karten her — und zwar in einer Qualität, die deutlich besser ist als in der vorliegenden ersten Auflage. Gerade die Qualität der Smith´schen Karte, die im Zentrum des Buches steht, ist erbärmlich: schwarz-weiß (!), klein, grob gerastert und somit in keiner Weise aussagekräftig — eine Katastrophe, denn um sie geht es ja hier! Zuletzt sei noch erwähnt, dass es — wie schon bei der Abbildungsqualität — spätestens bei den vielen Druckfehlern auffällt, welchen Stellenwert das Buch im eigenen Verlag hat. Schade eigentlich. So bleibt mir nur ein Fazit: Gut gedacht, aber halbherzig gemacht.