Die meisten Veröffentlichungen zum Klimawandel behandeln ihn aus naturwissenschaftlicher Perspektive. Die Autoren dieses Buchs haben einen anderen Ansatz gewählt: Sie befassen sich primär mit Fragen der Gerechtigkeit – und setzen den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisstand beim Leser als bekannt voraus. Fakten nennen sie eher beiläufig und belegen sie auch nicht genauer. Damit richten sie sich an all jene, die sich für die philosophischen Implikationen des Klimawandels interessieren.

Die Autoren verfügen hier über ausgewiesene Expertise. Dominic Roser hat Volkswirtschaftslehre, Philosophie und Politikwissenschaften studiert und über die Ethik des Klimawandels promoviert. Seine Forschungsschwerpunkte sind Klima- und Generationengerechtigkeit sowie Risikoethik. Christian Seidel studierte Philosophie, Wissenschaftstheorie, Politikwissenschaften und Psychologie und hat sich als Postdoktorand an der Universität Zürich mit Klimawandel, Gerechtigkeit und der Ethik globaler öffentlicher Güter beschäftigt. Neben politischer Philosophie befasst er sich mit Grundfragen der normativen Ethik, insbesondere den Menschenrechten.

Wie das Werk klarmacht, stellt der Klimawandel die Menschheit vor globale und generationenübergreifende Probleme. Die Ethik sei hier eine Brücke zwischen Naturwissenschaften und Politik: "Aufbauend auf der naturwissenschaftlichen Beschreibung der Tatsachen bewertet die Ethik verschiedene Optionen aus moralischer Sicht und gibt damit Empfehlungen für die moralisch richtige Klimapolitik." Drei große Fragen behandeln die Autoren: Sind wir angesichts des Klimawandels überhaupt zu etwas verpflichtet? Falls ja, wie groß ist unsere Verantwortung, zu handeln? Und wie sind diese Pflichten zu verteilen?

Zu jeder dieser Fragen stellen Roser und Seidel verschiedene mögliche Positionen dar und zeigen auf, wie sich die jeweiligen Gegenargumente entkräften lassen. Dies tun sie durchweg rational, gut verständlich und unter Zurückstellung der eigenen Meinung. Abstrakte ethische Probleme veranschaulichen sie anhand von Alltagsbeispielen und greifen gelegentlich auch zu humorvollen Erklärungen. Am Ende jedes Abschnitts fassen sie die diskutierten Standpunkte in "Argumente-Boxen" zusammen. Diese können sich in einschlägigen Diskussionen als sehr nützlich erweisen.

Mitunter erfordert der Text viel Konzentration beim Lesen und Mitdenken, etwa wenn die Autoren auf die Asymmetrie von Rechten eingehen. Auch mathematische Berechnungen ziehen sie für ihre Erörterungen heran. Bei komplexen Zusammenhängen greifen sie zu erläuternden Grafiken. Im letzten Teil des Buchs lösen sich Roser und Seidel von der Theorie und geben Anregungen für eine praktische Umsetzung moralisch richtigen Verhaltens. Dabei setzen sie sich unter anderem mit dem Emissionshandel auseinander.

Insgesamt ist "Ethik des Klimawandels" ein gelungenes Werk. Den vorgestellten Argumenten kann man gut folgen und bekommt eine hilfreiche Einführung ins Thema.