Rezension | 01.03.2012 | Drucken | Teilen

Cool down gegen Burnout

Der Arbeitstag war anstrengend gewesen. Doch Sabine Meier gönnte sich keine Pause. Zuhause setzte sie sich gleich an den Rechner, um ihre E-Mails zu bearbeiten. Dies war längst überfällig. Sabine verspürte leichte Kopfschmerzen. Als sie auf den Bildschirm schaute, erschrak sie zutiefst: Zwar erkannte sie die Namen der E-Mail-Absender, wusste aber nicht mehr, wer sie waren. Was war bloß los mit ihr?

So beginnt das spannend geschriebene Buch "Feierabend hab ich, wenn ich tot bin: Warum wir im Burnout versinken" von Markus Väth. Der Autor ist Spezialist im Business Coaching, das unter anderem beruflich völlig überforderten Menschen zu einem normalen Leben verhilft. Wie Sabine haben diese Menschen ein so genanntes Burnout und sind ausgebrannt von den alltäglichen Überforderungen ihres anstrengenden Berufslebens.

Während "Burnout" in der Öffentlichkeit in aller Munde ist, tut sich die Wissenschaft schwer mit diesem Begriff. Die Forscher sind sich nicht einmal einig, was Burnout eigentlich ist. Letztendlich ist Burnout eine Ausschlussdiagnose, die dann zum Einsatz kommt, wenn andere Krankheitsbilder nicht passen. Einig ist man sich weit gehend in Bezug auf die Symptomatik: verschiedene Arten von körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung, die sich in Form von Gedächtnisstörungen, Müdigkeit, Energiemangel, Kopfschmerzen, Niedergeschlagenheit und Reizbarkeit äußern können.

Wie Väth treffend feststellt, ist Burnout ein relativ junges Phänomen. Im griechischen Altertum galt Arbeit als Strafe der Götter und noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde Arbeit als notwendiges Übel betrachtet. Der Sinn der Arbeit war trivial: Man musste arbeiten, um genügend Geld zu haben.

Es ist möglich, dass der Sinneswandel durch die 68er-Bewegung eingeleitet wurde, wie Väth meint. Bezweifelt werden darf jedoch, dass es die Intention der 68er war, Arbeit zum Sinn des Lebens zu machen. Der Kampf für Freiheit und Gleichheit hatte ungeahnte Folgen. Die alten hierarchischen Strukturen zerbrachen. Immer mehr Menschen schafften das Abitur, viele sogar einen Studienabschluss. Die Kirche verlor ihre Autorität. Die Emanzipation der Frauen führte dazu, dass diese massenhaft in das Berufsleben strömten. Dies kann zweifelsohne positiv – als Befreiung – angesehen werden.

Die Befreiung führte aber auch dazu, dass heute niemand mehr einen festen Platz in der Gesellschaft einnimmt. Jeder kann den Sinn seines Lebens selbst bestimmen. Offenbar ist man gerade in Deutschland nicht besonders kreativ und sieht den Sinn des Lebens im beruflichen Erfolg. Dies hat Gründe: Den meisten Menschen können weder Kirche, Politik noch Wirtschaft die notwendige Hilfe zur Orientierung bieten. Wie Väth treffend feststellt, wird die Kirche mit ihrer altertümlichen und geheimen Politik kaum noch ernst genommen. Dass Väth allerdings in der Politik Persönlichkeiten vermisst, zu denen man aufblicken kann, erscheint problematisch. Wie die Fälle zu Guttenberg oder Wulff zeigten, können diese Persönlichkeiten auch falsche Werte vermitteln. Die Krise der Politik beruht wohl zumindest teilweise auf einer starken Wirtschaft, denen sich die Politik unterzuordnen hat. Und diese globale Wirtschaft verfolgt nur ein Ziel: Gewinnmaximierung. In Internet und Fernsehen sieht man Bilder aus Pakistan, Indien und anderen Ländern, in denen Kinder zwölf Stunden lang täglich unter menschenunwürdigen Bedingungen arbeiten müssen. Für diese Kinder hat Arbeit offenbar noch ihren altertümlichen Sinn behalten.

Gewinnmaximierung führt jedoch auch in Deutschland zu Problemen: Großraumbüros, Multitasking und Zeitmanagement setzen uns einem ungeheuren Druck aus. Wir wagen nicht, uns zu widersetzen. Denn sonst sind wir draußen – Hartz-IV-Empfänger, denen eine Teilhabe am gesellschaftspolitischen Leben oftmals verwehrt ist. Paradoxerweise verursacht Burnout Kosten in Milliardenhöhe, so Väth. Damit eignet sich Burnout nicht gerade zur Steigerung von Gewinnen.

Bereits von früher Kindheit an lernen viele, dass sie etwas zu leisten haben. Manche Eltern schenken ihren Kindern nur dann Aufmerksamkeit und Zuwendung, wenn die Schulnoten gut sind. Auch für die Schule gilt: immer kürzer, immer schneller, immer besser. Es fehlt die Zeit, ethische Werte zu vermitteln. Voller Enthusiasmus stürzen sich viele nach überstandener Schulzeit in die Arbeitswelt und kämpfen für den Erfolg. Doch nicht jedem gelingt es, seine oftmals zu hoch angesetzten Ziele zu erreichen. Irgendwann schaffen die Erschöpften es nicht mehr, sich dem Stress zu widersetzen. Apathisch geben sie schließlich auf.

Kann man etwas gegen diese gefährliche Entwicklung tun? Ja, meint Väth. "Cool down" heißt sein Erfolgskonzept – abkühlen, herunterregeln, ruhig werden. Ein neues Gleichgewicht des Bewusstseins zwischen Arbeitsleistung, Rückzug und einem Selbstwertgefühl, das sich nicht nur auf das beruflich Erreichte stützt, ist erforderlich. "Entschleunigung", "Mut zur Muße" und ein "neues Denken für eine neue Zeit" sollen helfen, die innere Ruhe zu finden.

Fazit: Markus Väth beschreibt in anschaulicher und verständlicher Weise eine Erkrankung, die in erster Linie auf äußeren Einflüssen beruht – auf einer Leistungsgesellschaft, die immer schneller und besser werden will und die ihre Mitglieder immer stärker einem gefährlichen Druck aussetzt. Ob es gelingt, diese Entwicklung durch "Cool down" aufzuhalten, bleibt abzuwarten.

Spektrum.de
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