Brutale Plünderer, weitgereiste Händler, mutige Entdecker: Der Mythos Wikinger begeistert bis heute, wie Bücher, Filme, Fantasy-Fernsehserien und Computerspiele immer wieder beweisen. Wie haben die Nordmänner gelebt? Warum versetzten sie halb Europa in Angst und Schrecken? Wie überquerten sie mit ihren Langschiffen den Atlantik und bis wohin sind sie gekommen?

Der Historiker Dan Snow und die Archäologin Sarah Parcak wollen solche Fragen beantworten und befassen sich in dieser zweiteiligen BBC-Dokumentation mit Überresten einstiger Wikingersiedlungen, sowohl in Europa als auch Nordamerika. Mithilfe von Satellitenbildern, die im Nahinfrarotbereich feinste Unterschiede in der Vegetation erkennen helfen, sucht Parcak nach ehemaligen Wikingerbauten. Auf den Shetlandinseln und auf Island macht sie zwei Orte aus, wo sich Anzeichen für frühere Gebäude finden, deren Reste dicht unter der Erdoberfläche liegen. Übertrieben deutlich stellt die Dokumentation heraus, wie hilfreich der Einsatz von Satelliten für die Archäologen sein kann.

Fachleute ohne Bekanntmachung

Ein roter Faden ist im ersten Teil der Produktion nicht erkennbar, sie wirkt hier erratisch und sprunghaft. Während Parcak Grabungsfelder auftut, trifft Snow diverse Wikinger-Experten, die den Zuschauer mit Hintergrundinformationen versorgen sollen. Welche Fachleute das sind, muss man sich zunächst selbst erschließen, da weder Namen noch Institute eingeblendet werden; etwa ab der Hälfte der ersten Folge werden sie immerhin mündlich vorgestellt. Oft vermitteln sie interessante Einzelheiten, die der Film mit anschaulichen Bildern untermalt. Da geht es etwa darum, wie viele Nägel für ein Langschiff erforderlich waren und inwiefern die damit verklinkerten Eichenholzlatten dem Schiff einen flexiblen Rumpf gaben, der auch starkem Wellengang trotzte. Dass die Wikinger unter Darmkomplikationen litten, berichtet der Exkrementanalytiker Andrew Jones bei einem Gespräch, das in einem Yorker Café stattfindet. Zu Kaffee und Kuchen hat er versteinerten Kot mitgebracht, der Rückschlüsse auf die Ernährung der Nordmänner liefert.

Im zweiten Teil der Doku dreht sich alles um den Beweis, dass die Nordmänner die Neue Welt erreicht haben, so wie es die Sagas berichten. Die bereits in den 1960er Jahren gefundenen Reste der grönländisch-isländischen Siedlung L'Anse aux Meadows (Neufundland) werden vorgestellt; Parcak begutachtet sie mit Blick auf mögliche weitere Siedlungen. Und es tritt – wenig überraschend, da bereits im ersten Teil angekündigt – eine Sensation ein: Die Archäologin meint auf den Satellitenbildern von Point Rosee (ebenfalls Neufundland) Hinweise auf Grassodenbauten zu erkennen. Probegrabungen dort enthüllen einen Metallverarbeitungsplatz mit steinerner Feuerstelle sowie einige Schlackestücke.

Allerdings ist auch ein Jahr nach den Ausgrabungen nicht klar, ob sich die Reste tatsächlich einer Wikingersiedlung zuschreiben lassen. Parcak ist zwar dafür, denn laut den Funden wurde das Metall aus Raseneisenerz mithilfe eines Röstfeuers gewonnen, was dem Vorgehen der Nordmänner entspricht, wie es auch für Europa belegt ist. Andere Fundstücke sind aber eindeutig jüngeren Datums. So bleibt die Frage offen, ob es eine zweite Wikingersiedlung auf Neufundland gegeben hat.

Eine nicht mehr so Neue Welt

Der Untertitel "Legende und Wahrheit" klingt so, als würde die Dokumentation mit historischen Unwahrheiten aufräumen oder bahnbrechende neue Erkenntnisse präsentieren. Das ist aber nicht der Fall. Der Nachweis einer weiteren Wikingersiedlung wäre zwar tatsächlich von einiger Bedeutung, aber nur auf soliderer Datenbasis. Irreführend ist die Behauptung am Ende des Films, die Zuschauer wüssten nun, dass die Wikinger die ersten Europäer in Nordamerika waren: 50 Jahre nach der Entdeckung L’Anse aux Meadows ist das keine Neuigkeit mehr.

Insgesamt sind die Filme sehr unruhig; vor allem die erste Folge wirkt wie ein nicht enden wollender Trailer aus aneinandergereihten Momentaufnahmen. Außer der Satellitenfernerkundung und den Ausgrabungen bei Point Rosee werden kaum weitere Arbeitsmethoden der Archäologen thematisiert. Das erweckt beim Publikum den Eindruck, wissenschaftliches Arbeiten gehe wie das Ermitteln in einer Krimiserie. Dazu trägt bei, dass Parcaks vermeintliches Labor im Film sehr an eine Fernsehkulisse erinnert.