Der französische Regisseur Luc Jacquet ("Die Reise der Pinguine") und sein Landsmann Claude Lorius, Glaziologe und emeritierter Präsident des Centre national de la recherche scientifique (CNRS), teilen eine Leidenschaft für einen ganz besonderen Ort: Die Antarktis. Beide kamen mit Anfang 20 zum ersten Mal auf den weißen Kontinent, und beide sollten dort mehr als ein Jahr lang bleiben, wenn auch in unterschiedlicher Mission und mit einem zeitlichen Abstand von 35 Jahren. Seither sind sie mehrfach dorthin zurückgekehrt, und es eint sie die Angst, große Teile dieser einzigartigen Eiswelt könnten der globalen Erwärmung nicht standhalten.

Jacquets Dokumentarfilm "Zwischen Himmel und Eis" läuft am 26. November in deutschen Kinos an, kurz vor der Pariser UN-Klimakonferenz. Er warnt zum einen vor dem anthropogenen Klimawandel. Zum anderen ist er das Testament des 83-jährigen Lorius, dessen Lebensgeschichte anhand reichhaltigen Archivmaterials aus der Ich-Perspektive erzählt wird.

Jeder Toilettengang ein Risiko

Der Regisseur nimmt den Zuschauer mit auf eine Zeitreise ins Jahr 1956. Lorius, damals Student an der Universität seiner Heimatstadt Besançon, bewirbt sich um die Teilnahme an einer Expedition in die Antarktis. Zunächst von Abenteuerlust getrieben, macht er sich zusammen mit zwei anderen auf den Weg zur winzigen Forschungsstation Charcot. Die Reise dauert mehrere Monate, und nahe am Zielort ist es dermaßen kalt, dass es bereits einem Abenteuer gleichkommt, sich draußen zu erleichtern. Ein Jahr lang harren die drei auf der Station aus. Sie sammeln unter anderem Daten, aus denen sich die Wanderbewegungen der Eisschilde berechnen lassen. Lorius ist fasziniert davon, wie viel Information bereits in der individuellen Form der Kristalle steckt, die er unter dem Mikroskop inspiziert. Selbst wenn der Abenteurer in ihm niemals sterben wird: Von in diesem Moment an ist er vor allem Wissenschaftler. Er ahnt, dass tief im Eis noch weitere Geheimnisse verborgen sind. Die Suche danach treibt ihn den folgenden 28 Jahren dazu, noch 21 weitere Male in die Polregionen aufzubrechen.

Seine wohl wichtigste wissenschaftliche Erkenntnis kommt Lorius bei einem abendlichen Whiskey, den er mit Polareis genießt. Als das Eis schmilzt, steigen Gasblasen auf – Überbleibsel aus der Zeit, in der es einst gefror. Je tiefer die Eisschicht, umso älter müsse die darin eingeschlossene Luft sein, folgert der Forscher. Gelänge es, diese mit modernen Messinstrumenten zu untersuchen, könne man vielleicht die Zusammensetzung der Atmosphäre in vergangenen Zeiten bestimmen. Daraus wiederum ließe sich das damalige Klima rekonstruieren.

Mitten in der aufgeheizten politischen Situation der 1970er Jahre bricht der französische Glaziologie zur russischen Forschungsstation Wostok auf, unweit des geografischen Südpols. Unter widrigsten Bedingungen birgt das Team, dem neben dem Franzosen auch amerikanische und russische Kollegen angehören, Bohrkerne aus bis zu 3000 Meter Tiefe. Bei 50 Grad unter dem Gefrierpunkt sortieren die Wissenschaftler ihre Proben. Die Mühe lohnt sich, denn die im Eis eingeschlossene Luft erlaubt Einblicke in 420.000 Jahre Klimageschichte.

Messwerte, die nach oben schnellen

Die Ergebnisse dieser Analysen stehen heute in jedem Lehrbuch. In der Summe ergeben sie das Bild vierer verblüffend ähnlicher Zyklen von Eiszeiten und Interglazialen, innerhalb derer die Durchschnittstemperatur jeweils um fünf Grad schwankte. Über den gesamten Zeitraum hinweg wurden die Temperaturschwankungen offenkundig von Veränderungen der atmosphärischen CO2-Konzentration begleitet. In den zurückliegenden Jahrzehnten allerdings geriet dieser regelmäßige Zyklus aus der Bahn: Der CO2-Gehalt stieg exponentiell an, weit über den Rekordwert der vorangegangenen 400.000 Jahre hinaus. Der anthropogen bedingte Klimawandel, dessen Existenz bis dahin nur wenige Wissenschaftler postuliert hatten, war wissenschaftlich bewiesen.

Eigentlich könnte Lorius, der führende Kopf hinter dieser gewaltigen Erkenntnis, als einer der erfolgreichsten Wissenschaftler seiner Zeit stolz auf sein Lebenswerk zurückblicken, für das er in den zurückliegenden Jahren mit Auszeichnungen überhäuft wurde. Im Film allerdings erscheint er immer wieder mit betrübter Mine und fast bis zur Hüfte im Wasser stehend – an Orten, wo die Auswirkungen des Klimawandels bereits deutlich erkennbar sind. Mittlerweile finde er zwar in der internationalen Politik zunehmend Gehör, sagt Lorius. Aber er beklagt, dass den zustimmenden Worten der Politiker keine Taten folgten. Daher beschleiche ihn das Gefühl, nichts erreicht zu haben. Allerdings gebe er die Hoffnung nicht vollkommen auf, denn "im Angesicht des Wesentlichen wächst der Mensch über sich hinaus".

Ob Luc Jacquet mit seinem neuen Film diese Wirkung erzielt, darf man bezweifeln. Dass der Mensch dringend die von ihm verursachten Treibhausgasemissionen reduzieren sollte, ist inzwischen keine neue Erkenntnis mehr. Zudem setzt der Regisseur mit seinen bildgewaltigen Aufnahmen und seiner anrührenden Musik eher auf Emotionen als auf Fakten. Nichtsdestoweniger ist ihm ein beeindruckendes Doppelporträt gelungen: von einem Wissenschaftler mit Leib und Seele – und von einer einzigartigen Umwelt, die es in dieser Form wahrscheinlich nicht mehr lange geben wird.