Geschicktes Zeitmanagement für mehr Lebensqualität – das Thema ist im Moment hoch im Kurs. Zahlreiche Ratgeber ermutigen ihre Leser zum bewussten Innehalten, zur Achtsamkeit, und versuchen sie so aus dem stressigen Alltag herauszuführen. Der promovierte klinische Psychologe Marc Wittmann gibt in seinem Buch „Gefühlte Zeit. Kleine Psychologie des Zeitempfindens“ keine Ratschläge, sondern erklärt die wissenschaftlichen Hintergründe, die unserem Umgang mit der Zeit zugrunde liegen. Er baut sein überschaubares Taschenbuch dabei sicher auf ausgewählte Studien, hält den fachfremden Leser aber mit Bezügen zur Literatur und zum Alltag bei der Stange. Auf diese Weise verknüpft er bekannte wissenschaftliche Erkenntnisse zu einem Netz aus Aha-Effekten, das dem Leser die Perspektive auf das eigene Leben durchaus erweitern kann.

Der Umgang mit der Zeit ist wichtiger für Erfolg als der IQ? Mit dieser und anderen Fragen lockt der Buchrücken auf die ersten Seiten. Dort holt Wittmann den Leser mit dem bekannten Marshmallow-Experiment ab, mit dem Walter Mischel 1988 zeigte, dass das Warten Können unseren sozialen und schulischen Erfolg beeinflusst.

Gibt es einen Gehirntakt, der langsame von schnellen Menschen unterscheidet? Die Antwort hierauf veranschaulicht Wittmann mit Sten Nadolnys Roman „Die Entdeckung der Langsamkeit“. Dessen Held John Franklin ist ein Beispiel dafür, dass unser Gehirn zwar eine individuelle zeitliche Auflösung hat, diese jedoch nur zehn Prozent unserer Intelligenz erklärt: Der angesehene Polarforscher und Gouverneur von Tasmanien hat eine so langsame Wahrnehmung, dass für ihn die Bildrate eines Kinofilms auch weniger als 24 Hz betragen könnte; für ihn vergeht die Gegenwart schneller. Später lernt der Leser, dass das Selbstbewusstsein, hier das „Gewahrwerden des eigenen Ich, eng im Zusammenhang mit der subjektiven Gegenwart ist. Denn es wird auf gleiche Weise wie ein gefühlter Moment vom Gehirn verarbeitet und zwar strukturiert in Pakete von Sinneseindrücken von rund drei Sekunden Länge. Wohl deshalb nehmen wir in der Musik Sequenzen, die ungefähr diese Dauer haben, als besonders angenehm war.

Eingebettet sind die vielen Momente des Lebens in den circadianen Rhythmus, der die Schwankungen von körperlichen und geistigen Vorgängen in Zyklen von 24 Stunden bestimmt. Synchronisiert durch die Sonne haben die einen, die Lerchen, ihr Leistungshoch eher morgens und die anderen, die Eulen, zu später Stunde – wir können nichts dagegen tun. Den Umgang mit der Zeitdauer hingegen haben wir sehr wohl in der Hand: Forscher unterscheiden zwei Zeitkulturen, die eine richtet sich dabei nach der Dauer von Ereignissen, in der anderen orientiert man sich an einer abstrakten Uhrzeit. Welche von beiden nun einem Menschen das Gefühl gibt, er müsse auf jemanden warten, oder sein Gast sei viel zu früh, hängt beispielsweise von seiner Mentalität ab. Die subjektive Empfindung der Zeitdauer wird dagegen vom Alter bestimmt. Aber nicht nur: Auch die Neuartigkeit und Emotionalität von Erlebnissen ist dabei entscheidend. Weil beides im Laufe des Lebens abnimmt, scheint die Zeit schneller zu vergehen, je älter man wird.

In nicht immer ganz nachvollziehbarer Reihenfolge und mit einigen inhaltlichen Wiederholungen bereitet Wittmann in diesem Buch sein Fachgebiet für den interessierten Laien auf. Insgesamt lohnt es sich, diesen kompakten Überblick über psychologische und neurowissenschaftliche Erkenntnisse über den Umgang mit der Zeit im Regal zu haben. Denn, wie man von dieser Lektüre lernen kann, das subjektive Zeitempfinden ist elementar damit verbunden, wie wir unser Leben gestalten. Der Psychologe und Humanbiologe gibt dem Lesenden deshalb neben der Bandbreite an interessanten Forschungsarbeiten Einsichten mit, die die Perspektive auf den eigenen Alltag verändern – nüchtern, ganz ohne zu beratschlagen.

Marc Wittmann ist seit 2009 Wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg. 1988 erhielt er den Peter-Jacobi Preis der Deutschen Gesellschaft für medizinische Psychologie.