Der Streit um die Evolutionstheorie wird oft mit unerbittlicher Härte und ideologischer Verbohrtheit geführt. Umso erfreulicher ist es, dass Thomas Nagel mit "Geist und Kosmos" ein völlig unideologisches Buch geschrieben hat, in dem er nüchtern die Problematik analysiert und gänzlich auf Polemik verzichtet. Es wäre ein großer Fortschritt in dieser Diskussion, wenn alle Beteiligten, gerade auch die Vertreter der Naturwissenschaften, sich an seinem Stil orientierten.

Schon vor beinahe vierzig Jahren äußerte sich der amerikanische Philosoph mit seinem Aufsatz "What is it like to be a bat?" ("Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?") nachdrücklich zur Philosophie des Geistes und zum Problem des Bewusstseins. Bereits damals zeigte er, dass es zwecklos ist, "eine Verteidigung des Materialismus auf irgendeine Analyse mentaler Phänomene zu gründen, die es versäumt, sich explizit mit ihrem subjektiven Charakter zu beschäftigen." Genau dort knüpft Nagel nun erneut an. Auf zirka 180 Seiten legt er dar, dass der evolutionäre Materialismus unfähig ist, Bewusstsein, Vernunft und Wertvorstellungen auf physikalische oder chemische Prozesse zu reduzieren. Deshalb, so Nagel, scheitert der evolutionäre Materialismus daran, den Geist in all seinen Ausdrucksformen in die neodarwinistische Naturkonzeption einzubinden. Er schreibt: "[Wenn] keine plausible Reduktion verfügbar ist und wenn es weiterhin nicht akzeptabel ist, dem Geistigen die Realität abzusprechen, legt das nahe, dass die ursprüngliche Prämisse, der materialistische Naturalismus, falsch ist, und das nicht nur an ihren Rändern."

Um diese These zu erhärten, unterzieht der Autor sowohl das religiöse als auch das wissenschaftlich-kausale Erklärungsmodell einer eingehenden Analyse. Dabei strebt er vor allem eine externe Konzeption von uns an, die nicht bei einer bloßen Analyse der Innerlichkeit stehen bleibt, sondern die historische Entstehung des menschlichen Bewusstseins und seine Stellung in der Welt klären möchte. Denn "wenn A die Evolutionsgeschichte ist, B das Auftreten von bestimmten Organismen und C deren Bewusstsein […], heißt das, dass irgendeine Form von psychophysischer Theorie nicht nur ungeschichtlich am Ende des Prozesses gelten muss, sondern auch für den evolutionären Prozess selbst."

Aus diesem Grund begegnet er "emergenztheoretischen" Erklärungsmodellen, für die Bewusstsein eine Folge komplexer neuronaler Strukturen ist, kritisch. Zum einen ist es für den Autor nicht glaubhaft, "dass rein physische Elemente, wenn sie in einer bestimmten Weise kombiniert werden, notwendig einen Zustand des Ganzen herstellen sollen, der nicht aus den Eigenschaften und Beziehungen der physischen Teile gebildet wird." Zum anderen wäre danach Geist erst sehr spät in der Evolutionsgeschichte aufgetreten. Nagel ist aber von der Überzeugung geleitet, "dass der Geist nicht bloß ein nachträglicher Einfall oder ein Zufall oder eine Zusatzausstattung ist, sondern ein grundlegender Aspekt der Natur."

Damit tendiert der 1937 geborene Philosoph, der seit 1980 eine Professur für Philosophie und Recht an der New York University innehat, eher zu einer "panpsychistischen" Theorie – zu der Auffassung also, Materie verfüge über geistige Eigenschaften. Gleichzeitig sieht er die Schwierigkeit, etwas so ganzheitliches wie das Bewusstsein als Ergebnis des Zusammenspiels "protomentaler Teilchen" zu erklären. Das religiöse Erklärungsmodell, das den Glauben an einen absichtsvollen Schöpfer voraussetzt, lehnt er ebenfalls ab. Denn es sei ihm (Nagel) nicht möglich, "die Alternative eines höheren Plans als eine wirkliche Option anzusehen." Es bleibt dann nur noch die Option, die Materie aufzuwerten, indem man ihr Eigenschaften beimisst, die im theistischen Modell auch Eigenschaften Gottes sind: Geist, Lebendigkeit und Zielgerichtetheit.

Auch wenn der Autor es konsequent vermeidet, einen festen Standpunkt einzunehmen, lässt sich, wenn man zwischen den Zeilen liest, in etwa seine philosophische Position ausmachen. Er favorisiert demnach ein Modell, wonach die Selbstorganisation der Materie an bestimmten Zwecken orientiert ist und sich auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lässt. Dieses Grundprinzip durchdringe die Welt, und die Identität des Menschen sei seine konkrete Ausgestaltung.

Die Tatsache, dass der Autor keine klare Position beziehen will oder kann, offenbart freilich: Er hält keinen derzeitigen Erklärungsversuch für hinreichend. Das zeigt sich deutlich, wenn er gegen Ende des Buches schreibt, dass "ein Verständnis, nach dem das Universum grundsätzlich dazu neigt, Leben und Geist zu erzeugen, wahrscheinlich eine sehr viel radikalere Abkehr von den vertrauten Formen naturalistischer Erklärung verlangen wird, als ich sie mir gegenwärtig vorzustellen vermag." Diese Bescheidenheit und Demut angesichts dessen, was wir nicht oder noch nicht verstehen, ist sehr sympathisch und und fehlt leider so manchem seiner Kritiker.

So hält das Buch zwei Botschaften bereit. Erstens, das vorherrschende materialistisch-neodarwinistische Weltbild sei unhaltbar geworden, da es nicht in der Lage sei, die Entstehung des Bewusstseins – und noch weniger der Vernunft – in seine Theorie zu integrieren. Es zeige sich, "dass die Biologie keine rein physikalische Wissenschaft sein kann." Zweitens legt Nagel dar, eine Kritik am vorherrschenden naturalistischen Modell sei möglich, ohne sich dabei kreationistischer Argumente zu bedienen. Allerdings offenbart das Buch auch die Schwierigkeit, konsistente Theorien jenseits des materialistischen Modells zu formulieren.