Rezension | 09.07.2012 | Drucken | Teilen

Verkroampf di net!

Anbieter von Wellness vermitteln ihren Kunden das Gefühl, nur noch gesund auf Probe zu sein. Ernährungsberater rufen mal hü, mal hott und sollten besser gar keine Empfehlungen mehr geben. Pharmafirmen erfinden ­einen Haufen Prä-Erkrankungen, um ihren Umsatz zu steigern.

Das ist die Meinung von Werner Bartens, der als Arzt in Klinik und Forschung gearbeitet hat und seit 1997 als Wissenschaftsredakteur bei der "Süddeutschen Zeitung" tätig ist. Er hat zahlreiche Sachbücher zum Thema ­Gesundheit geschrieben und ist gern gesehener Talkshowgast. Den von Diät-, Wellness- und Pharma­industrie propagierten Gesundheitsdogmen steht er sehr kritisch gegenüber. Deren Kampagnen würden den Menschen einreden, wer gesund bleiben wolle, müsse sporteln, abnehmen, Vitamine schlucken, entschlacken, acht Stunden schlafen, davon möglichst viel vor Mitternacht, keinen Alkohol trinken und vieles mehr. Dabei komme eines zu kurz, nämlich das Gesundsein.

Mit insgesamt 331 "Tatsachen" möchte Bartens seinen Lesern zu einem entspannteren und gesünderen Leben verhelfen. Als Beleg zieht er zahlreiche international anerkannte Publikationen heran, die zum Beispiel zeigen, dass Menschen mit leichtem Übergewicht und mäßigem Alkoholgenuss gesünder leben als idealgewichtige Abstinenzler. Dass sie auch deutlich gesünder leben als Fettleibige und maßlose Trinker, sagt er nicht ausdrücklich; immerhin stellt er keinen Freifahrtschein für hemmungslose Völlerei und Trunksucht aus.

Das Buch referiert eine ansehnliche Sammlung wissenschaftlicher Studien. Wer sich allzu bewusst ernährt, gewaltsam Sport treibt und krampfhaft auf seine Gesundheit achtet, findet hier ­viele gute Gründe, sich das Leben zu erleichtern. Dem überzeugenden Literaturverzeichnis zum Trotz jubelt uns Bartens jedoch hier und da auch nicht belegte Meinungen als Tatsachen unter. Ausgerechnet für das sehr interessante Kapitel über "gute Gefühle" bietet er nur einen einzigen Beleg, und zwar sein eigenes Buch "Körperglück". Die Zusammenfassung am Ende jedes Kapitels entspricht nicht immer dem zugehörigen Text, sondern bringt zuweilen Punkte, die anderswo oder gar nicht vorkommen. Die Internetadresse, unter der man Bartens schreiben soll, was sonst noch hilft, ist nicht, wie im Buch abgedruckt, www.waswirklichwirkt.de, sondern www.werner-bartens.de.

Immer wieder greift der Autor die enorm gesundheitsfördernde Kraft von Glücksgefühlen und Lebenszufriedenheit auf. Tatsächlich gefährdet Einsamkeit unser Leben in doppelt so hohem Maß wie Übergewicht, und emotionale Belastungen erhöhen das Herzinfarktrisiko fast ebenso stark wie Rauchen und sogar mehr als Diabetes oder Bluthochdruck. Dennoch wird dieser Gesundheitsfaktor in der Öffentlichkeit, der Forschung und der ärztlichen Praxis praktisch nicht beachtet.

Die Botschaft des Buchs ist nach den ersten zwei Kapiteln klar: Achte auf ­genügend Schlaf, gute Beziehungen, Zufriedenheit im Job, Essen und Bewegung nach Lust und Laune, und vor allem: Entspann dich! Tu, was dir guttut, und dir geht es gut. Fixiere dich nicht zu sehr auf das Einhalten bestimmter Lebensstilfaktoren, sondern achte mehr auf das persönliche Wohlgefühl dabei. Sport und gesund essen nütze nichts, solange man dabei keinen Spaß habe. Was also wirklich wirkt? Alles, was man mit Freuden tut. Wie man allerdings das viel gepriesene Glück im Leben findet, kann einem auch dieses Buch nicht erzählen.

Dagegen ist Stress in jeder Hinsicht unbekömmlich, wie viele Untersuchungen bestätigen. Wundheilung, Infekte, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schmerzen oder Krebs – alles wird durch Stress schlimmer. Und alles, was zu psychischer Stabilität und Heiterkeit führt, ob Topfpflanzen, leckeres Essen oder gute Freunde, fördert die Gesundheit.

Das ist gut und richtig, aber nicht wirklich neu. Mit seinen zahlreichen, teils redundanten Ratschlägen am Ende jedes Kapitels reiht sich das Buch ein in die endlose Liste viel gekaufter und ­wenig umgesetzter Ratgeberliteratur – und unterscheidet sich nicht sonderlich von den von Bartens geschmähten esoterischen oder fernöstlichen Lebens­hilfe-Ratgebern.

Das Buch ist hilfreich für jeden, der sich bei nächster Gelegenheit an einem kalten regnerischen Abend mit gutem Gewissen für die ungesunde Couch und gegen das gesunde Joggen entscheiden und mal wieder mit Appetit seine kalorienreiche Lieblingsspeise statt eines ge­­haltvollen Biosalats verzehren möchte. Es wendet sich definitiv nicht an jene, die mangels Bildung oder Geld sowieso keinen Zugang zu einem gesünderen Leben finden; die aber machen den Großteil der in deutschen Praxen behandelten Patienten aus.

Das Buch ist ansprechend geschrieben und leicht zu lesen. Wer allerdings zu den eher verbissenen Aktivisten zählt, muss sehr viel Humor aufbringen, um die etwas polemisierenden und pauschalisierenden Passagen über diverse Gesundheitspraktiken amüsant zu finden. Letztlich zeigen aber auch die von Bartens zitierten Studien: Gesundheitsbewusstes Verhalten zahlt sich im Alter aus – selbst wenn es jetzt gerade nicht wirklich Spaß macht.

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