Selten stößt eine archäologische Ausstellung auf so große Resonanz wie die im September zu Ende gehende Schau "Graben für Germanien. Archäologie unterm Hakenkreuz" im Bremer Focke-Museum. Das Medienecho reichte bis nach Österreich, wo die Tageszeitung "Der Standard" sich mit der österreichischen Archäologie zwischen 1938 und 1945 befasste. Hintergrund war ein Beitrag des Wiener Prähistorikers Otto Urban im Ausstellungs-Begleitband.

Sex und Nazis verkaufen sich, könnte man abwertend meinen. In diesem Fall aber sind die Bremer seriös und völlig zu Recht ein äußerst dunkles Kapitel der deutschen und österreichischen Archäologie angegangen. So dunkel, dass die hiesigen Archäologen sich bis in die 1990er Jahre hinein scheuten, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten.

Nach 1945 entstand eine Legende vom Konflikt zwischen zwei NS-Partei-Institutionen: Auf der einen Seite hätte das "Amt Rosenberg" propagandistische Zweckforschung betrieben, während auf der anderen Seite das "SS-Ahnenerbe" unpolitischer, seriöser Archäologie nachgegangen sei. Die meisten Fachwissenschaftler hätten sich deshalb letzterer Institution angedient, um dem Amt Rosenberg zu entgehen. Der Band "Graben für Germanien" stellt klar, das dieser Mythos in keiner Weise aufrecht zu halten ist.

Aus dem Buch geht zudem hervor, dass deutsche Vorgeschichts- und Laienforscher schon Jahrzehnte vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten versucht hatten, eine angebliche rassische Überlegenheit der Germanen zu untermauern. So nannte der erste deutsche Professor für Vorgeschichte, Gustaf Kossinna (1858-1931), die Vorgeschichtsforschung eine "hervorragend nationale Wissenschaft". Bereits am 1. Mai 1933 waren etwa 70 Prozent der Fachwissenschaftler NSDAP-Mitglieder. Nach der Machtübernahme durch die Nazis dienten sie sich mit Forschungsprogrammen an und arbeiteten aktiv in NS-Parteiorganisationen mit. Davon profitierte die Frühgeschichtsforschung enorm: Die Zahl der Lehrstühle stieg von zwei im Jahr 1930 auf mehr als zwölf im Jahr 1937, die der Landesämter für Bodendenkmalpflege von zwei im Jahr 1933 auf vierzehn im Jahr 1943. Wanderausstellungen wie "Lebendige Vorzeit", großformatige Wandbilder für den Schulunterricht und Einrichtungen wie das Germanengehöft in Oerlinghausen sollten dem Publikum die Überlegenheit eines blonden, blauäugigen, tapferen Herrenvolks suggerieren. Damit legitimierten deutsche Vor- und Frühgeschichtler die nationalsozialistische Blut-und-Boden-Ideologie. Mit dem Angriff auf Polen und die Sowjetunion rückten Archäologen schließlich in die besetzten Gebiete ein, um Kunst und Kulturgüter zu rauben. Zu ihnen gehörte Herbert Jankuhn (1905-1990), der ranghöchste Archäologe im SS-Ahnenerbe, mit seinem "Sonderkommando Jankuhn".

Der Band stellt auch das Fortleben des Germanenmythos, wissenschaftlicher Karrieren und rassistischer Denkweisen nach 1945 dar. Jankuhn etwa wurde als Professor an der Universität Göttingen zum akademischen Vater einer ganzen Wissenschaftlergeneration.

Ausstellung und Begleitband entstanden aus dem dreijährigen Projekt "Vorgeschichtsforschung in Bremen unterm Hakenkreuz", das von der Volkwagenstiftung gefördert wurde. Dennoch widmen sich nur 2 von 23 Aufsätzen diesem Thema. Hier hätten es gern mehr sein dürfen. Manches in dem Buch bleibt abstrakt oder wirkt lediglich angerissen. Keine zwanzig Seiten behandeln die lange Entwicklung des Germanenmythos seit dem 15. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts, das Aufkeimen rassistischer Theorien sowie die völkische Bewegung, die am Ende des 19. Jahrhunderts in der wilhelminischen Ära entstand und in vielerlei Hinsicht die Ideologie der Nazi-Zeit vorwegnahm. Zu bemängeln ist daran vor allem, dass der Band die selbst versprochene Aufklärung über das Entstehen des Germanenmythos nur unvollständig leistet.

Unklar bleibt auch, was denn nun dran ist an den Germanen, welchen Wahrheitsgehalt viele Vorstellungen über sie haben. Beispielsweise berichteten etliche Medien, Germanien und Germanen habe es nie gegeben – sie seien eine Erfindung römischer Schriftsteller und nationalistischer Ideologen. So weit gehen die Autoren nicht. Zwar legen sie dar, wie vor allem die antiken Autoren Gaius Iulius Caesar (100-44 v.Chr.) und Publius Cornelius Tacitus (zirka 58-120) den Begriff "Germanen" für die Völker zwischen Rhein, Donau und Weichsel prägten. Auch zeigen sie, dass schon die antike Vorstellung eines einheitlichen germanischen Großvolks auf Klischees und politischer Instrumentalisierung beruhte. Doch die Frage, wer oder was die Germanen wirklich waren, reißt der Band nur an. Trotz dieser Defizite gibt der Band insgesamt einen guten Überblick für ein breites Publikum.