Populärwissenschaftliche Bücher über moderne Kosmologie üben auf viele Menschen eine große Faszination aus – vielleicht, oder gerade weil daraus Antworten auf "letzte Fragen" erwartet werden, die eigentlich in den Bereich von Philosophie und Theologie gehören. Prominente Forscher – Hawking ist gewiss einer von ihnen – versuchen in der Tat Aussagen über die Existenz Gottes zu treffen.

Verlage sind in erster Linie Wirtschaftsunternehmen und daher in der Hauptsache an hohen Verkaufszahlen interessiert. In diesem Falle ist der Untertitel "einfach erklärt" wenigstens auch diesem Aspekt gezollt. Der Autor, übrigens bekannt als Verfasser oder Koautor mehrerer einschlägiger Bücher, bekennt an einigen Textstellen freimütig, dass "die kosmischen Ausmaße wirklich zu begreifen auch das Fassungsvermögen der Astronomen übersteigt" oder das "die Urknall-Singularität-Aushebelung kaum verständlich ist, ohne schwierige mathematische Physik dahinter, und für Nichtspezialisten erst recht nicht".

Kaum ein Schlagwort, das durch die Medien geistert, bleibt hier unberücksichtigt. So beschreibt Vaas teils mehr, teils weniger ausführlich den Urknall oder die Urknall-Singularität, die Suche nach der Weltformel, den Zeitpfeil, die Magie des Imaginären und die String-Theorie. Weiter geht die Reise zur kosmischen Inflation, zu Schwarzen Löchern, Wurmlöchern und Zeitreisen. Dann behandelt der Autor Bounce, Quantengravitation, Entropie und schließlich "Hawking und sein Verhältnis zu Gott".

Angesichts dieser ehrgeizigen umfangreichen Themenliste scheint eine einfache Darstellung der Probleme auf 224 Seiten unmöglich, um nicht zu sagen vermessen! Dem im Sujet versierten Autor Vaas stehen aber eine ganze Palette didaktischer Methoden zur Verfügung, die für viele Leser das Buch dennoch zum Aha-Erlebnis werden lassen: Zehn große Kapitel, jedes in thematisch eng begrenzte Abschnitte unterteilt, beschreiben zusammengesehen die Gedankenwelt Hawkings und der bedeutendsten Forscher auf dem weiten Feld der Kosmologie.

Auf den breiten Seitenrändern sind an vielen Stellen die Textinhalte in roter Schrift kurz zusammengefasst. Meine Anregung an den Käufer vor Beginn der Lektüre: Lesen Sie im Zusammenhang diese in Rot verfassten Resümees für einen ersten Eindruck des Inhalts. Eingestreut sind Kästen mit Überschriften wie »Exkurs« oder »Im Kontext«, sie ergänzen, rekapitulieren und vertiefen den fortlaufenden Text. Zu einigen Themen werden tabellarische Übersichten bereitgestellt, etwa zu Kosmologischen Kennziffern (S. 29); Zeitablauf nach dem Urknall (S. 66); Aussagen und Argumente über Wurmlöcher und Zeitreisen (S. 198) und anderen Themen.

Als bewährtes Mittel zur Veranschaulichung illustrieren und unterstützen zahlreiche, mit sehr ausführlichen Bildtexten versehene Grafiken das Verständnis der meist unanschaulichen Materie. Wo immer die Vorstellung versagt – und das ist in diesem Buch fast immer der Fall – flüchten die Autoren in Analogien. Solche Beispiele oder kleine amüsante Geschichten aus unserer dreidimensionalen Erfahrungswelt erweisen sich als hilfreich für das Verstehen komplexer Zusammenhänge.

Man findet sie hier häufig: "Das Edelmetall im Hochzeitsring stammt letztlich also aus kosmischen Karambolagen – was bei Heiratsanträgen gewöhnlich verschwiegen wird"; oder: "Zu fragen, was vor dem Urknall war, wäre unsinnig – genauso wie die Frage nach der Mutter eines Vereins, obwohl jedes Mitglied eine Mutter hat". Vaas setzt sehr geschickt solche stilistischen Tricks ein, weil er seine Klientel offenbar gut kennt und daher weiß, wodurch die Lust und Neugier zum Weiterlesen angeregt wird.

Mit besonderen Erwartungen werden Sciencefiction-Liebhaber einerseits und "Gottessucher" andererseits die beiden letzten Kapitel studieren, welche die Möglichkeit von Zeitreisen und philosophischtheologische Fragen zur Existenz eines Schöpfers aus naturwissenschaftlicher Sicht diskutieren. Hawking lässt die Möglichkeit von Zeitreisen zwar offen, glaubt aber, dass es ein starkes empirisches Indiz der "Zeitschutz-Vermutung" in Form einer gleich bleibenden Zeitrichtung gibt, denn wir erleben keine Invasion von Touristen aus der Zukunft (S. 203).

Es werden von Hawking viele Gedanken zur Handschrift Gottes in der Welt in diesem letzten Kapitel angesprochen, aber nur wenige aus seiner Sicht sichere Erkenntnisse mitgeteilt. Etwa auf Seite 206 "(…) wenn das Universum keine Grenze und keinen Rand hat, dann hätte es weder Anfang noch Ende. Wo wäre dann Platz für einen Schöpfer?"; oder "(…) Gott ist in der modernen Kosmologie nicht mehr denknotwendig" (S. 207); oder "in imaginärer Zeit gäbe es keine Singularität (…) das Universum würde weder erschaffen noch zerstört. Es wäre einfach da." Also wird Gott auch für die Rolle als erster Beweger nicht gebraucht. Bleibt nur persönlicher Glaube übrig? Schwer auszumachen, woran Hawking wirklich glaubt.

Hawkings biografische Daten über Leben und Werk kommen im Text zu kurz. Sie sind auf einer Doppelseite knapp und chronologisch aufgelistet. Die didaktische Aufbereitung der schwierigen Materie wurde vom Kosmos-Verlag in bewährter Weise optimal gelöst. Aber leider fehlt ein Sachwort- und Personenregister.

Bei allen Vorbehalten, was das tiefere Verstehen der Materie angeht, ragt dieses Buch von Rüdiger Vaas aus der Vielzahl einschlägiger Literatur heraus. Ich habe es mit Gewinn und vielen Aha-Erkenntnissen gelesen. Aber: Es ist keine simple Bettlektüre!