Fast täglich berichten Zeitungen über bemerkenswerte Entwicklungen auf dem Gebiet der Neurowissenschaften. Das Ressort Forschung und Technik verzeichnet methodische Fortschritte der bildgebenden Verfahren, das Feuilleton diskutiert den Einfluss der Hirnforschung auf das Weltbild, und der Wirtschaftsteil behandelt die Neuroökonomie.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ("FAZ") hat bereits zum zweiten Mal ihr Archiv durchstöbert und eine Sammlung von Artikeln zu diesen Themen zusammengestellt. Diese zwischen März 2006 und März 2008 publizierten Texte liegen nun als Hörbuch in der Reihe "Audio- Dossier" vor. Es behandelt die Themen Denken und Entscheiden und knüpft damit an das erste "FAZ"-Hörbuch ("Wer ist der Käpt’n im Kopf?") aus dem Jahr 2006 an.

Auch diesmal hat der Verlag 13 Berichte, Porträts und Features aufgenommen. Es handelt sich dabei weniger um für Tageszeitungen typische Texte, die nach dem Motto "Wissenschaftler haben festgestellt, dass" über einzelne Studienergebnisse informieren, denn diese Beiträge wären nach kurzer Zeit schon veraltet. Stattdessen führen die Autoren in aktuelle Theorien ein und stellen neue Forschungsgebiete oder strittige Positionen zu heiß debattierten Themen vor. Sie beschreiben, bewerten, kommentieren – und die Porträts über den Hirnforscher Christof Koch und den Philosophen David Chalmers vermögen gar zu unterhalten. Einige Inhalte überschneiden und wiederholen sich leider; zum Beispiel betonen verschiedene Autoren immer wieder, dass die funktionelle Magnetresonanztomografie inzwischen weit verbreitet und vielfach einsetzbar ist. Doch das ist kaum zu vermeiden, da die Einzelbeiträge ursprünglich nicht aufeinander abgestimmt wurden und darin mehrfach dieselben Experten zu Wort kommen.

Im Ton fallen die Artikel mal nüchtern und sachlich aus, mal pointiert und feuilletonistisch. Leider erfährt der Hörer nichts über die Autoren selbst. Zwar nennt der Sprecher zu Beginn jedes Beitrags den betreffenden Verfasser – doch wer weiß schon, dass hinter den Namen Christian Geyer und Werner Mussler "FAZ"-Redakteure stecken und hinter Gerd Kempermann ein namhafter deutscher Neurowissenschaftler.

Leider ist das nicht die einzige Schwachstelle der Audio-Version. Betonungsfehler erschweren das Verständnis, und wenn abwechselnd männliche und weibliche Stimmen die Inhalte vortragen, hat das zwar einen besonderen Reiz, doch was bei einem Roman funktioniert, passt nicht unbedingt auch zu einem Sachbuch.

Bei der hohen Informationsdichte der zügig gelesenen Artikel ist es schade, dass der Hörer nur die Titel der Lesestücke nachlesen kann. Ein Glossar im Booklet, das Kernbegriffe oder Stichworte erläutert und auf zugehörige Audiotracks verweist, wäre hilfreich für den Fall, dass man zu einem Thema noch einmal "nachhören" möchte. So bleibt einem nichts weiter übrig, als sich Notizen zu machen oder während des gesamten Vortrags konzentriert zuzuhören.

In dieser Form stellt das Hörbuch deshalb keine ernst zu nehmende Alternative zur gedruckten Ausgabe dar. So gut die Idee im Ansatz ist, hier bleibt der Eindruck zurück, dass der Verlag mit dieser lieblos ausgestatteten Audioversion nur auf Zweitverwertung setzte.