Curie, Einstein, Picasso, Mozart – waren sie alle hochbegabt? Zumindest in ihrem späteren Leben stellten sie sich als überdurchschnittlich intelligent und kreativ heraus. Offenbar gibt es sie also die Hochbegabten. Vielfach sind sie bereits in Kindestagen ihren Altersgenossen weit voraus und ernten Bewunderung, manchmal jedoch auch Spott und fehlendes Verständnis – obwohl sie genauso wie die anderen Kinder ein Recht auf Förderung haben. Wie erkennt man aber ein hochbegabtes Kind überhaupt? Und wenn ja, wie fördert man es am besten? Diesen Fragen geht das Buch "Hochbegabung" von Albert Ziegler nach. Ziegler, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Ulm, vermittelt einen verständlichen Einblick in die Hochbegabungsforschung. Lesenswert ist das Buch für jeden, der sich für Hochbegabung interessiert.

Im ersten Kapitel des Buches geht es zunächst um die schwierige Frage, was Hochbegabung eigentlich ist. Der Autor macht deutlich, dass es selbst nach 140 Jahren Hochbegabungsforschung nicht gelungen ist, diese Frage zu beantworten. Das ist für manchen Leser, der den Wunsch nach einem klaren Konzept verspürt, vielleicht enttäuschend. Ziegler schlägt eine pragmatische Vorgehensweise vor. Er definiert: Hochbegabt ist eine Person, "die aufgrund von Expertenurteilen wahrscheinlich einmal Leistungsexzellenz erreichen wird." Und zwar Leistungsexzellenz in einer bestimmten "Leistungsdomäne" – das kann Klavierspielen, Schach, Malen, Mathematik oder etwas anderes sein.

Mancher Leser hätte vielleicht einen umfassenderen Denkansatz erwartet. Falls Hochbegabung sich nur durch herausragende Leistungen in einem bestimmten Gebiet auszeichnet, sind Hochbegabte lediglich "Fachidioten". So etwas wie eine universelle Begabung gibt es aber laut Ziegler in unserer hoch spezialisierten Gesellschaft nicht mehr. Um hochbegabt – sprich leistungsexzellent – zu werden, muss zwar eine gewisse genetische Veranlagung vorhanden sein, sehr viel wichtiger ist es jedoch, so viel und so früh wie möglich zu üben. "In konkurrenzträchtigen Domänen ist Leistungsexzellenz nur erreichbar, wenn die systematische Förderung nicht viel später als nach dem sechsten Lebensjahr einsetzt", schreibt Ziegler.

Er führt schreckliche Bilder vor: Vorschulkinder, die zur Stärkung ihres Klavieranschlags bis zur Ermüdung Gewichte mit den Fingern hochziehen müssen. Tennisspieler mit schlechter Rückhand, denen man in kürzester Zeit einige hundert Mal beibringt, die richtige Schlägerhaltung beim Rückhandschlag einzunehmen. "Selbst dreifach schnellere Lernraten der spielend lernenden Konkurrenten können durch solches Training binnen kürzester Zeit ausgeglichen werden", schreibt Ziegler. "Deliberate Practice" heißt das Schlagwort – eine hoch organisierte, konzentriert durchgeführte Lernaktivität, die stets auf die Verbesserung der eigenen Leistung gerichtet ist. Mindestens 10 000 Stunden sind erforderlich, um leistungsexzellent zu werden.

Hochbegabung auf diese Weise zu definieren, erscheint problematisch. Diese Betrachtungsweise unterstützt ehrgeizige Eltern, die ihre "hochbegabten" Kinder zwingen, von morgens bis abends zu üben. Ob dies die Lebensfreude der Kinder erhöht, ist fraglich. Die Gefahr ist groß, dass soziale Kompetenz und Kreativität auf der Strecke bleiben.

Es ist dann andererseits nicht verwunderlich, dass Ziegler bei seiner Auffassung von Hochbegabung dem Intelligenzquotienten (IQ) kritisch gegenübersteht. Überdurchschnittliche Leistungen seien ein besserer Hinweis auf Hochbegabung als der IQ, meint Ziegler. Er bedauert, dass bis heute einige Forscher den "Facettenreichtum des menschlichen Geistes auf einen einzigen Zahlenwert" reduzieren wollen. Offenbar bemerkt Ziegler nicht, dass seine Vorgehensweise in ähnlicher Weise eingrenzt: Auch er beschränkt Hochbegabung – zwar nicht auf eine Zahl, jedoch auf eine Fähigkeit innerhalb eines bestimmten Gebietes.

Definitionsgemäß befassen sich die von Ziegler vorgestellten Hochbegabungsmodelle mit Leistungsexzellenz. Zu Recht kritisiert der Autor Modelle, die Leistungsexzellenz auf eine einzige Ursache zurückführen wollen. "Leistungsexzellenz beruht offensichtlich auf einem Ursachenbündel", schreibt er. Ziegler stellt multifaktorielle Hochbegabungsmodelle vor. Das Modell der triadischen Interdependenz nach Mönks, das Münchner Hochbegabungsmodell und Zieglers eigenes Aktiotop-Modell, in dessen Mittelpunkt Handlungen stehen. Das individuelle Handlungsrepertoire in einem bestimmten Leistungsbereich wird allmählich und über viele Jahre bis hin zur Leistungsexzellenz erweitert. Hier können Schüler, Lehrer und Eltern viel von Ziegler lernen – beispielsweise niemals den ersten Schritt vor dem zweiten zu tun: Hat ein Kind nicht begriffen, wie das Multiplizieren geht, kann es auch das Einmaleins nicht lernen. Immer muss genügend Zeit für das Lernen bereitstehen. Lässt die alte Lernumwelt keine weiteren Entwicklungsschritte zu, muss sie verlassen werden. Ein Schüler, der in seiner alten Klasse nichts mehr lernt, sollte vielleicht in die nächste springen oder die Schule wechseln.

Neben dem Handlungsrepertoire bilden Ziele eine weitere Komponente des Aktiotops. Zur Entwicklung von Leistungsexzellenz müssen sie darauf ausgerichtet sein, das Handlungsrepertoire in einem bestimmten Bereich weiterzuentwickeln: Wie bringt man einen Menschen dazu, die 10 000 Stunden Zeit aufzubringen, die für Leistungsexzellenz benötigt werden?

Hochbegabungsdiagnostik ist ein anderes wichtiges Thema, auf das Ziegler eingeht. Er stellt verschiedene Ansätze vor. Die statusorientierte Hochbegabungsdiagnostik beschäftigt sich hauptsächlich mit der Frage, ob eine Person hochbegabt ist. Die interventionsorientierte Hochbegabungsdiagnostik versucht herauszufinden, warum es einem Hochbegabten nicht gelingt, sein Leistungspotenzial auszuschöpfen. Die Leitfrage der entwicklungsorientierten Hochbegabungsdiagnostik lautet: Welche Prognosen können zum weiteren Verlauf der Leistungsentwicklung dieser Person gemacht werden? Und die förderungsorientierte Hochbegabungsdiagnostik beschäftigt sich im Wesentlichen mit den Möglichkeiten, wie man Hochleistungs- beziehungsweise Leistungsexzellenz erreichen kann.

Im Schlusskapitel geht Ziegler auf die vielfältigen Chancen ein, die Erziehung und Schule haben, um ihren Anspruch nach individueller Förderung (nicht ausschließlich, aber auch von Hochbegabten) zu erfüllen. Das fängt bei traditionellen Platzierungsstrategien an wie einer vorzeitigen Einschulung oder dem Überspringen einer Klasse. Aussichtsvoller scheinen Kombinationen mehrerer Fördermaßnahmen zu sein wie beispielsweise der "akademisch fokussierte, kreativ-produktive Lernpfad" für einen bestimmten hochbegabten Schülertyp – bis hin zum Individualunterricht, der bei uns bedauerlicherweise fast ausschließlich als Nachhilfeunterricht bei schlechten Leistungen üblich ist.

"Hochbegabung" von Ziegler ist ein verständlich geschriebenes Buch zu einem günstigen Preis. Eltern und Lehrer erhalten viele praxisrelevante Tipps, wie sie ein talentiertes Kind fördern können. Problematisch ist jedoch, dass Ziegler Hochbegabung ausschließlich mit Leistungsexzellenz in einem bestimmten Gebiet gleichsetzt und keine andere Betrachtungsweise zulässt. Auf diese Weise erhält der Leser ein recht einseitig geprägtes Bild von Hochbegabung.