Im Zentrum dieses Mathematik-Sachbuchs steht die US-Zeichentrickserie "Die Simpsons". Der Autor, promovierter Physiker, ergründet die Charaktere, Episoden und Handlungsstränge der Serie und arbeitet an ihnen mathematische Sachverhalte heraus – handwerklich durchweg geschickt. Jedes Kapitel ist in sich abgeschlossen; Singh erklärt darin jeweils zuerst eine Szene oder Anekdote aus einer Simpsons-Episode und untersucht anschließend deren mathematischen Gehalt. Dabei geht er etwa auf den Primzahlsatz oder auf diverse Paradoxien im Zusammenhang mit der Unendlichkeit ein.

Die Simpsons als Ausgangspunkt zur Beschreibung der Mathematik, das mag seltsam klingen. Doch wie anhand des Buchs klar wird, greift die Serie regelmäßig Konzepte aus der Mathematik auf. So macht Familienvater Homer Simpson in der Folge "Im Schatten des Genies" zwei sehr lustige mathematische Entdeckungen. Zum einen findet er heraus, wie man aus einem Donut eine Kugel machen kann – ein Verweis auf die berühmte Poincaré-Vermutung. Die besagt stark vereinfacht, dass ein geometrisches Objekt zu einer Kugel deformiert werden kann, solange es kein Loch hat (wie ein Donut). Homer zeigt aber, dass es auch mit Loch geht: Man isst einfach ein Stück von dem Gebäck weg und formt den Rest zur Kugel.

Zum anderen widerlegt der Familienvater vermeintlich den großen fermatschen Satz. Diesem zufolge hat die Gleichung an + bn = cn keine Lösung für natürliche Zahlen a, b, c, n mit n>2. Homer gibt aber eine Lösung an: (398712 + 436512 = 447212). Mit dem Taschenrechner mag das stimmen, da durch kleine Rundungsfehler die Gleichung erfüllt wird. Allerdings ist sie falsch, wie Singh darlegt. Er beschreibt, wie David S. Cohen, der Autor dieser Simpsons-Folge, auf die entsprechenden Ideen gekommen ist, und umreißt kurz den Beweis des großen fermatschen Satzes.

Singh setzt sich mit den Grundlagen und Hintergründen der "Simpsons-Mathematik" auseinander, zeigt Anwendungsbeispiele und Bezüge zur aktuellen Forschung auf. Zudem vermittelt er Interessantes über die Autoren der Filmepisoden, verfolgt ihre Biografien teilweise Jahrzehnte zurück, um herauszuarbeiten, welche Begebenheiten in ihrem Leben sich auf die spätere Gestaltung der Serie auswirkten. Bei alldem geht er sehr gewissenhaft vor und unternimmt auch Ausflüge in verwandte Themen hinein; unter anderem analysiert er die Funktionsweise von Komik. So gelingt es ihm, Mathematik, Wissenschaftsgeschichte, Forschung und Popkultur miteinander zu verbinden.

Der Buchautor hat früher am CERN gearbeitet und ist seit über zwanzig Jahren als Wissenschaftsjournalist tätig. Eine TV-Dokumentation von ihm, die über Fermats letzten Satz handelt, war für den Emmy Award nominiert – und das gleichnamige Buch ein Bestseller in vielen Ländern. Singh schafft es mit seiner klaren Sprache, die überaus gelungen von Sigrid Schmid ins Deutsche übersetzt wurde, den Leser zu fesseln. Besonders gut hat mir gefallen, dass das Buch wörtliche Zitate der Simpsons stets auch im englischen Original präsentiert und daran erklärt, auf welche Phänomene der US-Kultur sie verweisen. Zudem sind zahlreiche Referenzen auf wissenschaftliche Veröffentlichungen enthalten.

"Homers letzter Satz" kann sowohl interessierten Lesern ohne Vorbildung als auch Mathematikern empfohlen werden.