Im Februar 2002 entführten FARC-Rebellen (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) Clara Rojas und ihre Freundin und Kollegin Ingrid Betancourt und hielten beide sechs Jahre im kolumbianischen Dschungel gefangen. Die beiden Frauen waren auf der Reise in den unsicheren Süden Kolumbiens, um für ihre Partei Oxigeno Verde Wahlkampf zu machen. Sie kamen nie dort an.

Wie einige der anderen Geiseln entschied sich Rojas nach ihrer Freilassung im Januar 2008, ihre Erlebnisse festzuhalten, um "mit der Fertigstellung des Buches eine Mission" zu erfüllen. Sie erzählt vom Alltag im Gefangenenlager: vom Tagesablauf, von den Entbehrungen und der Isolation, aber auch von der Freude über Zeitschriften und Nachrichten von ihrer Familie. Im Herbst 2003 wird Rojas schwanger und bringt 2004 im Dschungel per Kaiserschnitt einen Sohn zur Welt. Dieses Ereignis macht Schlagzeilen in Lateinamerika: Wer ist der Vater?

Mit Verweis auf ihre Privatsphäre macht die Autorin von "Ich überlebte für meinen Sohn" über die Hintergründe ihrer Schwangerschaft keine Aussagen. Der Leser erfährt detailliert die Umstände ihrer Gefangenschaft, aber wenig über die Protagonistin selbst, über ihre Gedanken und ihre Gefühle.

Das Buch geht kaum über Situationsbeschreibungen hinaus. Rojas berichtet zum Beispiel über unerträgliche Spannungen unter den Geiseln, die sich mit dem Bekanntwerden ihrer Schwangerschaft noch steigern. Aber die Gründe für "die Grausamkeit ihrer Kameraden" bleiben im Dunkeln. Es wird nicht ersichtlich, weshalb ihre Mitgefangenen eine Front gegen sie aufbauen. Die Frage nach dem "Warum?" scheint die Autorin nicht zu beschäftigen, oder sie möchte ihre Antworten nicht der Öffentlichkeit preisgeben. Rojas erzählt die Dinge aus ihrer Sicht und klammert die zwischenmenschlichen Aspekte des Dramas fast vollständig aus. Es scheint, als wäre die Autorin frei von dem Wunsch, das Geschehen zu verstehen, politisch und psychologisch.

Vielleicht ist die Furcht, zu viel von sich preiszugeben, die Ursache dafür, dass sie sich nicht über Beschreibungen hinauswagt. Vielleicht ist es aber auch die einfache Sprache, die nicht mächtig genug ist, dem Leser die Zusammenhänge und Hintergründe ihrer Geschichte nahezubringen. Damit bleibt Rojas autobiografisches Buch leider an der Oberfläche und geht in der Masse der klassischen Erfahrungsberichte unter.