Rezension | 23.01.2013 | Drucken | Teilen

Warum Namen nach Ohrenschmalz schmecken können

Wussten Sie schon, dass der Name "Derek" für einen "Wörterschmecker" nach Ohrenschmalz schmeckt und Wechselgeld nach Schmelzkäse? Oder dass Kraken Intelligenzbestien sind? Dass der Hunger nach Salz mit Suchtschaltkreisen im Gehirn zusammenhängt? Nein? Dass Delfine nur mit einer Gehirnhälfte schlafen, um nicht zu ersticken, das wussten Sie bestimmt? Aber wussten Sie auch, dass vielleicht in Ihnen ein geniales Talent – etwa für Musik oder Kunst – schlummert?

"Nicht trockene Auflistung eines Wissenskanons", sondern "eine Erkundungsreise zu faszinierenden, rätselhaften und beeindruckenden Phänomenen unseres Denkens, Fühlens und Bewusstseins" verspricht die Rückseite von "Im Fokus: Neurowissen". Herauszufinden, wie das Gehirn mit seinen miteinander kommunizierenden Nervenzellen so komplexe Phänomene wie Gefühle, Gedanken und Bewusstsein hervorbringt, ist die große Herausforderung der Neurowissenschaften. Von ihrem Wissenszuwachs der letzten Jahre, über Zufallsfunde, Sackgassen und immer neu auftauchende Fragen erzählen Nadja Podbregar und Dieter Lohmann – beide Biologen und Wissenschaftsjournalisten.

In 18 Kapiteln haben sie Erstaunliches über unser Denkorgan zusammengetragen: über so genannte Savants, Inselbegabungen und was diese mit Autismus (nicht) zu tun haben. Sie berichten über Gehirndoping und Chancengleichheit, innere Uhren, die wir mit anderen Tieren, Pilzen und Pflanzen gemeinsam haben, und die biologischen Hintergründe der Linkshändigkeit. Zwischendrin machen sie Ausflüge in die Methoden der Hirnforschung und die Welt kindlicher Gehirne. Und ein Dauerbrenner darf natürlich auch nicht fehlen: die "kleinen" Unterschiede zwischen Männern und Frauen – Erziehung, Hormone oder doch die Gene? Es folgen Kapitel über den weit reichenden Einfluss der Hormone auf unser Leben, über Sinnliches (Synästhesie, Riechen und Schmecken), Träumen, Schönheit und auch weniger Erfreuliches, nämlich Schmerz, Migräne und Hirnschwund. Das Buch schließt mit einem Kapitel über tierische Intelligenz.

Dem Leser bleibt überlassen, was er mit dem unterhaltsam und verständlich präsentierten Wissen anfängt: ins eigene Wissensnetz einspeisen, den Kollegen im Büro erzählen, für Löcher in den Bauch fragende Kinder oder schlichtweg kurzweiliges Lesevergnügen. Brav von vorne nach hinten lesen muss man "Im Fokus Neurowissen" nicht. Wen zuvorderst interessiert, ob Östrogen das räumliche Vorstellungsvermögen verschlechtert, kann getrost Seite 47 aufschlagen und sich die ersten fünf Kapitel für später aufheben.

Ein Biologiewälzer ist das Buch allerdings nicht, und manch einer möchte sich noch grundlegender informieren oder aber inhaltlich tiefer gehen. Hierfür wären Hinweise auf weiterführende Literatur oder ein Glossar hilfreich gewesen, doch fehlt leider beides. Aber dieses kleine Manko mindert nicht den Spaß am Lesestoff über rechtsäugige Vögel, "Farbenhörer" und Migräneattacken, die sich mit dem Duft von Mikrowellen-Popcorn ankündigen.

Anzeige