Mit einem Paukenschlag beginnt James Gleicks Sachbuch "Information": Im ersten Kapitel erzählt der Autor die Geschichte der digitalen Speicherung in Bits und Bytes – und parallel dazu von der Erkenntnis, wie die frühen Völker Nordamerikas über Trommeln kommunizierten. Mit nur zwei verschiedenen Tonhöhen schafften es Letztere, einen weißen Reisenden schon Tage vor seiner Ankunft im nächsten Ort anzukündigen. Zwei Tonhöhen – der Vergleich zum Morsen drängt sich ebenso auf wie derjenige zu den Computerbits. Doch bei den Afrikanern gab es keinen Kode, mit dem man die Töne in Buchstaben übersetzte. Ihre per Trommelschlag übermittelten Nachrichten waren auch nicht kurz, sondern im Gegenteil lang, blumig und ausschweifend. Wie genau es ihnen damit gelang, eine Information zu übermitteln, darauf macht Gleick seine Leser ein ganzes Kapitel lang neugierig, bevor er mit der verblüffenden Antwort herausrückt.

So spannt der Autor bereits im ersten Kapitel den weiten Bogen, den sein Buch auch im weiteren Verlauf schlagen wird: von den Anfängen der nicht-mündlichen Kommunikation bis ins Zeitalter des Internets geht die Reise. Der generische Titel des Buches: "Information – Geschichte, Theorie, Flut" ist Programm; sein Inhalt sogar noch weiter gefasst. Dass Gleick sich an keiner Stelle zu einer endgültigen Definition von "Information" hinreißen lässt, fällt erst spät während der Lektüre auf. Zu sehr werden die Leser hineingesogen in die Geschichten, die er erzählt.

Und immer sind es Geschichten von Menschen. Von Entdeckern, Erfindern, Tüftlern, Visionären. Von – wenigen – Frauen wie der 1816 geborenen Ada Lovelace, die für Alltagsprobleme wie das Brettspiel "Solitaire" eine mathematische Lösung suchte; sie dachte in der Sprache von Computerprogrammen, lange, bevor es Computer gab. Meist jedoch sind es Männer. Männer wie Graham Bell, der mit dem Telefon ein Wunderwerk erschuf, für das Anfangs kaum jemand eine Notwendigkeit sah: "Bell scheint seine gesamte Energie auf den sprechenden Telegrafen zu verwenden", zitiert Gleick einen Bericht des Telegrafisten Elisha Gray aus dem Jahr 1875. "Das ist wissenschaftlich zwar sehr interessant, aber hat gegenwärtig keinerlei kommerziellen Wert, da man mit den bereits bestehenden Methoden wesentlich mehr Geschäft erzählen kann."

Eine unglaubliche Fülle von Zitaten hat Gleick zusammengetragen – aus Briefen, Aufzeichnungen und von längst vergangenen Konferenzen. Sie unterfüttern, was Gleick aus den Lebensstationen seiner historischen Protagonisten minutiös recherchiert und zusammengetragen hat. In einem überbordenden Quellenverweis sind die Ursprünge dieser Detailinformationen festgehalten. So gelingt es ihm, seine Leser hautnah die kleinen und großen Durchbrüche der Informationstechnik miterleben zu lassen. Wir sind tatsächlich dabei, wenn Claude Shannon in den 1930er Jahren plötzlich bemerkt, dass sich mit Relais logische Schaltungen bauen lassen, die "und", "oder" sowie "nicht" ausgeben und somit mit Drähten und Strom die Boolesche Algebra wiedergeben. Das Grundprinzip heutiger Computer war in diesem Moment erkannt. Ebenso verfolgen wir die vielen Wandlungen des Begriffs "Gen": Das Wort wurde bereits 1910 durch den dänischen Botaniker Wilhelm Johannsen eingeführt – und im Laufe der folgenden Jahrzehnte mehrmals umgedeutet.

Gleichzeitig jedoch zerfällt die Geschichte der Information, die Gleick erzählen möchte, in Hunderte von Einzelgeschichten. Jede davon ist spannend aufbereitet, jede möchte man sich unbedingt merken. Es ist faszinierend, wie viele Details er herausgefunden hat – wie jenes, dass Claude Shannon seine spätere Frau auf einer Party im Herbst 1939 kennenlernte, auf der Jazz lief und er schüchtern im Flur herumstand, während sie begann, ihn mit Popcorn zu bewerfen; dass sie es liebte, wie er "Boooooooooolesche Algebra" aussprach, dass ein Richter aus Boston die Trauung im Januar vornahm und es keine Feier gab. Diese und viele ähnliche Nebenhandlungen streut Gleick ein, so oft es geht.

Gerade weil der Autor die Vokabel "Information" nicht abgrenzt, ist auch sein Buch beinahe uferlos und stellt selbst eine Informationsflut dar. In all der wunderlichen Fülle und Tiefe der Anekdoten und Gestalten drohen sich die Leser zu verlieren. Da ist beispielsweise Kapitän William Allen, der als einer der ersten Weißen den Buschtrommeln Afrikas lauschte; Vannevar Bush, dem Vater des Differentialanalysators – einem Analogrechner – am MIT; Gregory Chaitin, der Berechenbarkeitstheorien aufstellte; natürlich Albert Einstein; Marshall McLuhan, ein Kommunikationstheoretiker, der den Begriff des "Globalen Dorfes" schuf; bis zum Physiker John Archibald Wheeler, der orakelhafte Sätze wie "it from bit" sagte, und die nur wenig konkretere Erklärung hinterherschickte: "Jedes '?Es'? – jedes Teilchen, jedes Kraftfeld und selbst das Raum-Zeit-Kontinuum – leitet seine Funktion, seine Bedeutung und seine Existenz … aus Bits ab." Dazu weiß Gleick vieles zu berichten zu Charles Babbage, dem ersten Erdenker, wenn auch nicht Erbauer, eines mechanischen Computers; immer wieder auch über Claude Shannon, der unter anderem das erste roboterähnliche Gerät baute: eine mechanische Maus, die aus einem mit Relais versehenen Labyrinth herausfinden konnte. So viele Charaktere, so viele Leben, so viele Geschichten – Gleick lässt seinen Lesern kaum Zeit zum Durchatmen.

So spannend das Buch daher geschrieben ist und so viel lesenswerte Details es erhält: Wer nur ein durchschnittliches Gehirn zur Verfügung hat, sollte für die Lektüre viel Zeit einplanen und zudem die Bereitschaft mitbringen, das weniger Wichtige direkt wieder zu vergessen. Dann allerdings wird man mit einer umfassenden Rückschau auf die gesamte Geschichte der "Information" belohnt, so hautnah erzählt wie noch selten.