Rezension | 25.05.2013 | Drucken | Teilen

Ein Lob der Energiewende

Man könnte es jetzt sehr kurz machen: unbedingt lesen! Aber diesem überaus erhellenden Buch gebühren mehr Zeilen. Es erklärt, warum es in Deutschland bei der Energiewende derzeit so hakelt und wer – nach Ansicht von Claudia Kemfert – dafür maßgeblich verantwortlich ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Werken über die Energiewende konzentriert sich die Autorin dabei auf die wirtschaftlichen und politischen Aspekte. Auf gut 140 leicht verständlichen Seiten haut sie großen Teilen der Politik und Energiewirtschaft alle Verfehlungen um die Ohren, deren sie sich in der Vergangenheit schuldig gemacht haben – und die sie noch heute begehen, um der Transformation des Energiesystems möglichst viele Knüppel in den Weg zu legen. Kemfert ist dabei erfrischend polemisch, eindeutig parteiisch und dennoch nachvollziehbar in ihrer Argumentation. Mutig spricht sie aus, was viele denken, sich aber kaum zu sagen wagen. Dieses Buch öffnet daher jedem die Augen über die Machenschaften der Energiewirtschaft, die bislang weggesehen oder zumindest beide Augen zugedrückt haben.

Dabei ist die Autorin nicht irgendwer. Sie weiß genau, wovon sie redet. Seit 2004 leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am angesehenen Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und ist seit 2009 Professorin für Energieökonomik und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. Noch im Frühjahr 2012 wurden sie als mögliche Energieministerin im Schattenkabinett des aus anderen Gründen gescheiterten CDU-Spitzenkandidaten Norbert Röttgen in Nordrhein-Westfalen gehandelt, der seinerseits Umweltminister im Bund war. Sie macht keinerlei Hehl aus ihrer Sympathie für dessen Umweltpolitik, die vielen seiner Parteifreunde oft zu weit ging. Mehrmals bezieht sie sich ebenfalls auf seinen Parteifreund, Klaus Töpfer, sowie auf einen der – meiner Meinung nach – wichtigsten Protagonisten und Vordenker der Nachhaltigkeitsbewegung: auf Dennis Meadows, einen der Autoren der wegweisenden Studie "Grenzen des Wachstums" des Club of Rome aus dem Jahre 1972. Dagegen greift sie viele Initiativen der FDP an.

Kemfert nimmt hier kein Blatt vor den Mund. Sie wettert munter gegen alle Kritiker der Energiewende – sei es die Wirtschaft, die Medien, andere Forschungseinrichtungen oder die Politik. Ihrer Ansicht nach werden wir von großen Kreisen der Politik und der Energiewirtschaft belogen und betrogen, allen voran von Philipp Rösler, dem derzeitigen Wirtschaftsminister, dem sie Propagandamethoden vorwirft, um seine Klientel zu begünstigen. Sie widmet dem FDP-Politiker sogar ein eigenes Kapitel und rechnet gnadenlos mit dessen verquere Vorstellung von Marktwirtschaft ab. Nach Lektüre dieses Buches betrachtet man wohl viele Aussagen von Politikern in einem ganz anderem Licht.

Für eine anerkannte Wissenschaftlerin zeigt sich Kemfert daher ungewöhnlich kämpferisch. In der Wahl ihrer Worte ist sie nicht zimperlich, wirft sie exponierten Gegnern der Energiewende doch vor, Strippenziehertheater zu spielen. Sie spricht von bewusst gestreuten Falschinformationen, von Lug und Betrug, Nachlässigkeiten, von Mauscheleien sowie von einer Blockadehaltung der Energiewirtschaft, um die Umstellung auf erneuerbare Energien zu torpedieren und zu boykottieren.

Hier und da pflückt sie die Aussagekraft von Studien verschiedener Forschungseinrichtungen genüsslich auseinander und bezichtigt manch andere Autoren ohne Scham des Lobbyismus, nicht ohne ihre Sicht der Dinge dagegen zu stellen, die oft eine breitere Perspektive beleuchtet und dann genau auf das Gegenteil der bemängelten Studien herauslaufen. So entblößt sie einen Mythos über die erneuerbaren Energien nach dem andern und lässt sie sich reihenweise in Luft auflösen.

Ihre Sprache ist dabei erfrischend anderes als das verklausulierte Deutsch so vieler Wissenschaftler oder Politiker, die sich selten trauen, Position zu ergreifen und oft nur mit Teilen der Wahrheit arbeiten, um für – oder deutlich mehr noch – gegen die Energiewende zu streiten. Kemfert argumentiert dagegen ungeschminkt und oft erfreulich drastisch. Das ist dem Thema angemessen, denn gerade jetzt scheint der Kampf um Strom in eine entscheidende Phase zu gehen. Gilt es doch jetzt, die richtigen Weichen für die nächsten Generationen zu stellen.

Aus ihrer Einstellung pro Energiewende macht sie keinen Hehl. Es ist ihr daher hoch anzurechnen, dass sie freimütig zugibt, dass sie nicht mehr neutral sein kann. Das Buch ist ein uneingeschränktes Plädoyer für die erneuerbaren Energien, und dass nicht aus Idealismus heraus, sondern aus wirtschaftlichen und umweltpolitischen Gründen. Rechnet sie doch fest damit, dass sich die – zugegebenermaßen nicht unerheblichen – Investitionen in ein neues Energiesystem nach seinem Etablieren künftig deutlich günstiger kommen als die Fortführung des derzeitigen. Eine Erkenntnis, die kaum jemanden überraschen dürfte, die in der heutigen Diskussion über Energiepreise aber oft vergessen oder unterschlagen wird.

Es verdient Respekt, dass eine derart angesehene Wissenschaftlerin so mutig Stellung bezieht. Ihre Argumente sind klar, verständlich und logisch. Um Schwachstellen in ihrer Argumentation zu finden, müsste man schon mit einer Lupe an den Text gehen – und mit dem ideologisch festen Willen, ein Haar in der Suppe zu finden. Eventuell ist sie in Bezug auf die – nach ihrer Ansicht zwangsläufig kommende – Elektromobilität, auf die sie mehrfach kurz am Rand eingeht, ein wenig zu optimistisch. Aber in erster Linie geht es ihr um die Energiewende. Und da ist ihr Resümee eindeutig: Sie wird kommen. Sie wird uns nicht an den Rande des Ruins bringen. Im Gegenteil: Sie wird zu deutlichen Fortschritten beim Umwelt- und Klimaschutz führen.

Mein Resümee über das Buch und die Autorin: Wir brauchen mehr von diesem Schlage!

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